Patchwork in Marokko

Kenia brachte ihr Glück. „Nirgendwo in Afrika“ gewann 2003 den Auslandsoscar. Nun macht Regisseurin Caroline Link mit ihrem neuen Film „Exit Marrakech“ in Marokko Halt: Heinrich (Ulrich Tukur), ein erfolgreicher Theaterregisseur, hat seinen Sohn Ben (Samuel Schneider) nach Marrakesch eingeladen. So will er gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ben wäre versorgt, er könnte einen netten Urlaub machen und auch gleich seine vierjährige Halbschwester treffen, die Tochter von Heinrichs neuer Frau. Ben wiederum will seinen Vater endlich kennenlernen, den er so lang nicht mehr gesehen hat. Er will, dass er sich ihm öffnet und ohne Vorbehalte ist. Doch auf der Reise durch ein immer noch magisches Land nähern sich die beiden nur sehr allmählich einander an.

Auf einem Roadtrip durch Marokko: Vater (Ulrich Tukur, rechts) und Sohn (Samuel Schneider) nähern sich langsam an.

 

Es ist eine Geschichte vom Getrenntwerden, von Scheidung und Sich-Wiederfinden, die Caroline Link da erzählt. Sie fährt dabei weite Räume, mancherlei Dünen und Wüstenpfade ab. Und weil Vater und Sohn, der Ältere wahrscheinlich schon Goethe-Institut-hofiert, der Jüngere ein Kurzgeschichten-Dichter in spe, ja auch irgendwie Intellektuelle sind, sprechen sie wie so oft bei Caroline Link in ganz großen Dialogen miteinander, diskutieren nicht nur das eigene Verhältnis, sondern auch Gott und die Welt.

In der Altstadt von Marrakesch freundet sich Ben (Samuel Schneider) mit der Einheimischen Karima (Hafsia Herzi) an. Er folgt ihr in ihr Heimatdorf im Atlasgebirge.

 

Bis es dazu aber wirklich kommt, geht vor allem der 17-jährige Ben, den Samuel Schneider selbstbewusst und störrisch bis zur Verschlagenheit spielt, ganz weite Wege. Erst lässt er sich durch Marrakesch treiben, später wird er sich auf eigene Faust auf den Weg in die Wüste machen und den Vater unfreiwillig zur Suche nach ihm zwingen. In der Einsamkeit nähern sie sich einander an, und sei es, als der Vater in einem gefährlichen Wüstentrip dem Sohn das Steuer seines Wagens überlässt.

Eigentlich wollte Ben (Samuel Schneider) in Marokko seinem von der Mutter geschiedenen Vater (Ulrich Tukur) näher kommen. Doch das lässt sich viel schwerer an als gedacht.

 

Die Regisseurin, die ihren Film auf dem Münchner Filmfest uraufführte, schreckt denn auch vor mancherlei Trivialitäten nicht zurück. Klischees werden weniger umgangen als zur Schau gestellt. Sie weiß schon: Marokko ist längst ein touristisch ausgereiztes Land, die Welt aus 1001. Nacht, sie existiert nicht mehr. So gönnt sie dem jungen Ben auf Dünen surfend seinen Spaß, die Annehmlichkeiten des Grandhotels genießt er äußerst unbeschwert. Und dann fällt er ja auch noch irgendwie auf die schöne Karima (Hafsia Herzi) herein, fühlt sich zu ihr bis in ihr Heimatdorf hingezogen.

Ben (Samuel Schneider) hat sich in die Einheimische Karima (Hafsia Herzi) verliebt. Er verbringt mit ihr eine Nacht.

 

Hier wagt der Film endlich einmal die Annäherung an die fremde Kultur. Dennoch taugt „Exit Marrakech“ nicht zur Fallstudie beim Zusammenprall der Kulturen. Dazu ist der Film zu lieb, zu sehr auf Versöhnung ausgerichtet. Noch nicht einmal ein Sturz in den Abgrund kann daran etwas ändern.

Exit Marrakech

 

„Exit Marrakech“ schwankt zwischen Künstler- und Familiendrama, zwischen Roadmovie und Coming-of-Age-Film. Und, tatsächlich, gerade auch wegen der in sehr langen Einstellungen süffig zelebrierten Wüsten- und Gebirgsbilder der Kamerafrau Bella Halben: Marokko bleibt hier irgendwie Kulisse. Alleine Ulrich Tukur und Samuel Schneider, die beiden schwitzenden, nach Bier dürstenden Protagonisten, geben dem Film doch noch Bedeutung: Wie sie sich, jung und alt, auf Augenhöhe belauern und bekriegen, dann aber doch noch lieben lernen, das treibt den Film über die wohlfeile Seifenoper weit hinaus.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 122 Min.