Wahnsinn über den Wolken

Liebe und Lust, Leidenschaft und Verlangen: Im Angesicht eines möglichen Absturzes kehren Crew und eine Handvoll Erste-Klasse-Passagiere eines Transatlantikfluges ihr Innerstes nach außen, kramen tief in den Kellern ihrer Seelen und lassen Dämonen frei. Die haben freilich keine Krallen und Hauer, sondern tragen plüschige Samtkostüme. Pedro Almodóvar, Spaniens Chef-Filmemacher, schickt das Chaos auf eine knallbunte Flugreise, in der 90 Minuten lang getanzt, gesoffen und der Libido gefrönt wird. „Fliegende Liebende“ ist ein Zirkus der Eitelkeiten, der sich einfach nicht ernst nehmen lassen will.

Szene mit Penélope Cruz und Antonio Banderas.
„Alles, was in diesem Film passiert, ist Fiktion und hat keinen Bezug zur Realität“, lässt Almodóvar sein Publikum zu Beginn wissen. Sozusagen als Menetekel: Sein Film ist ein Trip im Alkohol-, Drogen- und Sexrausch; eine absurde Ansammlung Almodóvarscher Vignetten, die in ihrer surrealen Grundstimmung entfernt an seine frühen Filme erinnern. Allerdings stehen hier keine Menschen im Mittelpunkt, sondern Kasper.

Nachdem sich Penélope Cruz und Antonio Banderas in einem ganz kurzen Auftritt als Bodenpersonal weniger um die Abfertigung der Maschine kümmern, als vielmehr um sich selbst und ihre Beziehung, gibt es ein Problem mit dem Fahrwerk. Der Flug 2549 von Madrid nach Mexiko City wird zu einem Albtraum in Bonbonfarben: An Bord befinden sich eine Handvoll von Affären geplagte schwule Stewards, zwei Piloten mit sexuellen Orientierungsproblemen, eine Handvoll Passagiere der ersten Klasse, die ebenfalls verschiedene Sorgen im Gepäck haben. Der zweiten Klasse wurde vorsorglich ein Schlafmittel gegen das Economy-Syndrom verabreicht.

Die Passagiere im Wachzustand sind alle irgendwie miteinander verbandelt. Die alternde Edel-Prostituierte schläft mit dem Auftragsmörder, der sie killen soll. Ein Steward hat eine Affäre mit dem glücklich verheirateten Kapitän, ein anderer verführt den Co-Piloten, der dritte ertrinkt im Selbstmitleid, weil er sich ungeliebt fühlt. Er hätte sich mal ein Beispiel an der Hellseherin nehmen sollen, die die riesige Erregung eines schlafenden Passagiers für die Entjungferung nutzt.

Szene mit José María Yazpik und Cecilia Roth.
Über den Wolken ist man frei, hier ist alles erlaubt. Probleme, Ängste und Sorgen bleiben aber nicht, wie bei Reinhard Mey, darunter verborgen. Im Gegenteil: Almodóvar holt sie in seinem wahnwitzigen Kaleidoskop ans Tageslicht und sinniert über Tabubrüche, sexuelle Orientierung, die Liebe in all ihren Formen. Verstecken kann sich im Angesicht einer Katastrophe und auf dem beengten Raum einer Flugzeugkabine niemand. Das hat durchaus seinen Reiz, wird aber zu überspitzt dargestellt. Den Karikaturen menschlicher Unzulänglichkeiten fehlt die Schärfe, womit sie häufig zu Blödeleien verkommen.

Eine Geschichte gibt’s nicht, aber viele Geschichtchen. „Fliegende Liebende“ ist eher eine Aneinanderreihung von Merkwürdigkeiten und Albernheiten, die in einer unfassbaren Karaoke-Show gipfeln, in der die Stewards zu den Klängen von „I’m so excited“ von den Pointer Sisters über verwaiste Sitze hüpfen. Ein bisschen fremdschämen ist ausdrücklich erlaubt.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Tobis Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Komödie
Freigabealter: 16
Verleih: Tobis
Laufzeit: 90 Min.