Das Hoch kommt vor dem Fall

Soeben lag Whip Whitaker (Denzel Washington) noch völlig verkatert mit der hübschen Katerina (Nadine Velaquez) im Bett und stritt sich mit seiner Ex-Frau (Garcelle Beauvais) am Telefon über Unterhaltszahlungen. Nun warten neue Herausforderungen. Whitaker ist Pilot. Einer der besten. Seine Fähigkeiten werden in der Folge während des Flugs von SouthJet 227 auf den Prüfstand gestellt. Nur unter größter Not kann er in Robert Zemeckis’ leider allzu durchwachsenem US-Drama „Flight“ eine Katastrophe verhindern.


Ein bisschen Alkohol und Koks bereiten doch bei einem Routine-Inlandsflug keine Probleme. Auch wenn das Flugzeug bereits beim Start in einen schweren Sturm gerät. Whitaker bringt es in ruhigere Gefilde und gönnt sich seinen verdienten Ausnüchterungsschlaf, mit Hilfe von zwei Wodkafläschchen. Doch ein harter Ruck reißt ihn aus dem Reich der Träume: Whitaker sieht die Erde auf sich zurasen – das Höhenleitwerk des Flugzeugs ist verklemmt.

Es folgen Ereignisse und Minuten von hoher Intensität. Als Zuschauer krallt man sich förmlich in den Sitz. Die Beinahe-Katastrophe ist der stärkste Teil des Films. Whitaker schafft es mit einem unglaublichen Manöver das Flugzeug zu stabilisieren und eine Notlandung hinzulegen. Statt über 100 sterben „nur“ sechs Menschen, den meisten Passagieren kann er das Leben retten. Der Pilot ist ein Medienheld. Und landet erst einmal im Krankenhaus. Als er erwacht, weiß Whitaker, dass es ein Problem gibt: Er stand während des Flugs unter Drogeneinfluss. Und die Flugaufsichtsbehörde ermittelt bereits.

Was nach diesen so grandiosen 30 Anfangsminuten folgt, lässt sich leider nur mit einem Kater nach einer durchfeierten Nacht vergleichen: Regisseur Robert Zemeckis nimmt das Tempo arg heraus und erzählt die Geschichte eines gefeierten Alkoholikers. Whitaker wird zwar offiziell bestätigt, dass er ein Held ist: Von zehn Piloten, die den Absturz im Simulator nachstellten, stürzten alle zehn ab. Aber er kann weder mit dem Presserummel noch seiner Sucht umgehen – und die bevorstehenden Ermittlungen werden wohl in einem Gefängnisaufenthalt enden.


Eine brenzlige Situation, die explosives Material für eine Charakterstudie liefern könnte. Stattdessen geht Autor John Gatins auf eine Tour der Klischees: Whitaker macht eine Selbsttherapie, erleidet einen Rückfall, sucht Sinn in der Religion, nimmt mehr Drogen und taucht irgendwann plötzlich bei Ex-Frau und entfremdetem Sohn auf. Dazwischen verliebt er sich in die heroinabhängige Nicole (Kelly Reilly), lässt sie aber – natürlich – auch wieder fallen.

Von außen betrachtet ein Held, von innen aber ein zerfressener Alkoholiker: Zemeckis verschenkt das spannende Potenzial seiner Hauptfigur. Er beschränkt sich auf eindimensionale Probleme und Konflikte, die wenig Empathie erzeugen. Whitaker ist ein Bilderbuch-Alkoholiker.

Der wird zwar großartig von Denzel Washington gespielt – wofür er vollkommen zu Recht mit einer Oscarnominierung belohnt wurde. Zemeckis’ („Cast Away – Verschollen“, „Forrest Gump“) Lehrbuch-Inszenierung fehlt aber die Seele. Bis auf die fantastische erste halbe Stunde wirkt nichts nach. Ganz im Gegensatz zu Alkohol.

Text: Sebastian Srb / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Flight
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 138 Min.