Vom Jungen zum Mann zum Kind

Es gibt diesen Spruch: Manche Menschen reißen mit dem Hintern ein, was sie vorne aufbauen. So einer ist der Musiker Joby Taylor (Paul Dano), der in erster Linie von seiner Egozentrik und in zweiter für seine Musik lebt. Die Dinge um diese beiden Säulen interessierten den hageren Kerl bisher nicht. Regisseurin So Yong Kim mischt sich an einer Stelle in sein Leben, an der alles anders werden kann: „For Ellen“.


Taylor hat ein Kind, Ellen (Shaylena Mandigo), um das er sich lange nicht gekümmert hat. Seine Frau Claire (Margarita Levieva) zieht die Reißleine: Sie will die Scheidung. In dem Moment begreift der dürre Mann mit der Lederjacke und dem schwarzen Nagellack erst, was er in der Vergangenheit gelebt hat. Verantwortung, Rücksicht, alles Begriffe, die Joby bisher nicht verwendet hat, ja, nicht mal kannte.

Qualvoll lang sind die Einstellungen, in denen von außen betrachtet nichts passiert. Taylor scharrt mit den Füßen auf dem Gehweg, raucht, spielt ein bisschen Gitarre. Seine Pannen auf dem Weg fühlen sich an wie Echtzeit. Er kommt nicht vorwärts. Manche Bilder von der Landschaft allerdings sind so schön, als hätten sie keine Ahnung von all dem Elend des Hauptdarstellers und störten sich auch nicht daran. Die Regisseurin So Yong Kim fängt Stimmungen ein, sieht zu, wie ihr Schützling, den sie auf Schritt und Tritt begleitet, in allen Variationen wegläuft.

Doch bleibt er stehen, bessert sich seine Situation nicht. Dann gilt: Was er vorne aufbaut, reißt er hinten ein. Es ist zum Verzweifeln – und diese Verzweiflung steht Paul Dano ins Gesicht geschrieben. Geht es um Lethargie, gibt es keinen besseren Darsteller als den 28-jährigen New Yorker, der vielen spätestens mit „Little Miss Sunshine“ in Erinnerung blieb. Damals sprach er nicht mehr mit Erwachsenen. Auch in den folgenden Rollen sagte er oft nicht viel. Diesmal bettelt er, droht, fleht, flucht.


Joby Taylor, auch wenn er ein Loser sein mag, ist ein Mann, kein Junge. Die Regisseurin findet Bilder für seine Verlegenheit, für Hilflosigkeit. Viele derartige Gemütszustände bebildert sie mit einer Präzision, die bemerkenswert ist. Außer ein wenig Geduld verlangt sie nicht viel, ihr Drehbuch führt an ein Ziel, so ziellos das Leben von Taylor ist.

Begleitet von einer exzellenten Auswahl an schöner, melancholischer Musik, spielt Dano, der auch ausführender Produzent des Films ist, eine fordernde Rolle, weil er fast nur sich selbst hat, die traurige Gestalt aus sich selbst generieren muss. Er tut es, als habe er nie etwas anderes gespielt.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Peripher
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: For Ellen
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Peripher
Laufzeit: 96 Min.