Ein harter Brocken

Immer dann, wenn es in unserer Gesellschaft besonders männlich zugeht, wird eine Sache schwierig: Homosexualität. Fußball ist dafür wohl das prominenteste Beispiel, aber längst nicht das einzige. „Freier Fall“ von Stephan Lacant spielt im Polizeimilieu. Dies ist eigentlich kein Film über die Liebe zwischen zwei Männern, sondern ein Dokument, wie viele Schwierigkeiten es mit sich bringt, wenn man die „falschen“ Gefühle entwickelt. Mit den Schauspielern Max Riemelt, Hanno Koffler und Katharina Schüttler ist der Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino bei der diesjährigen Berlinale hervorragend besetzt.

Szene mit Katharina Schüttler und Hanno Koffler.
Die Rollen sind eine Herausforderung, auch für sehr gute Schauspieler. Der von Hanno Koffler gespielte Marc zum Beispiel hatte bisher keinen Grund, seine Heterosexualität in Frage zu stellen. Seine Freundin Bettina (Katharina Schüttler) ist nicht nur super, sondern auch schwanger. Sie gehen aus Vernunftgründen den Weg des geringsten Widerstandes und ziehen in eine Doppelhaushälfte in Spuckweite von Marcs Eltern.

„Ich kann seinem Vater quasi beim Pinkeln zusehen“, sagt Bettina und lacht. Sie ist alles andere als launisch, bleibt immer fair und verständnisvoll. Als sie merkt, dass ihr Freund Marc sich von ihr entfernt und sie keine Ahnung hat, warum, geht ihr das an die Substanz, weil sie nicht an ihn rankommt.

Marc hat auf einem Lehrgang Kay (Max Riemelt) kennengelernt. Nicht dass die beiden viel miteinander gesprochen hätten, aber die Anziehung ist nicht wegzudiskutieren. Marc gehört zu den Männern, die generell nicht so viel reden. Weder will er sich eingestehen, dass er diesen Typen wiedersehen möchte, noch will er sich Gedanken darüber machen, ob er schwul ist. Er wird immerhin Vater.

Szene mit Max Riemelt und Hanno Koffler.
Der Film bewegt sich mit seinem Protagonisten. Der ebenfalls schweigsame Riemelt und die notgedrungen abseits stehende Schüttler umkreisen Koffler. Wie seine Hauptfiguren will auch der Film nichts ausdiskutieren, und so steht Hanno Koffler vor der schweren Aufgabe, sich nicht in Monologen zu ergehen, auf viele Dialoge zu verzichten und dennoch seine Zerrissenheit sichtbar zu machen. Das gelingt dem Theaterschauspieler im Verlauf der Geschichte immer besser.

Regisseur Lacant und sein Autor Karsten Dahlem machen es sich nicht leicht mit „Freier Fall“. Sie belassen die Story spröde und schieben ihren Schauspielern wirklich einen harten Brocken Arbeit hin. Es dauert auch eine Weile, bis Koffler in die schwierige Rolle gefunden hat. Doch irgendwann geht der Zuschauer seinen verzweifelten Weg mit – hin zum einzig möglichen Ende.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Salzgeber
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Salzgeber
Laufzeit: 100 Min.