Die Suche nach den verschwundenen Träumen

„Für Elise“, die ersten Szenen: Die Titelfigur versucht ihrer Klassenlehrerin recht geschickt zu erklären, warum ihre Mutter schon wieder nicht zur Elternversammlung erschienen ist. Wenig später öffnet sie in der Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter in einer Plattenbausiedlung bewohnt, einsam die Post und stopft die nächste Mietmahnung in eine mit unbezahlten Rechnungen prall gefüllte Holzkiste im Wohnzimmer. Dann setzt sich Elise, deren allzu profane Mutter sie nach dem Gassenhauer von Ludwig van Beethoven benannt hat, ans Klavier – ein Erbstück ihres verstorbenen Vaters. Willkommen im knallharten Leben der 15-jährigen Elise. Ein feinsinniges, von tiefem Schmerz aufgewühltes Mädchen, das lieber Chopins „Tristesse“ als Klassik-Ohrwürmer auf dem Klavier spielt.

Seit dem Unfalltod ihres geliebten Vaters versucht Elise vergeblich, das Familienleben einigermaßen zusammenzuhalten. Ihre verzweifelte Mutter verliert sich jedoch wieder und wieder in Alkoholexzessen und One-Night-Stands.


Nachwuchstalent Jasna Fritzi Bauer, die zuletzt in Christian Petzolds Oscarbeitrag „Barbara“ überzeugte, füllt die Rolle der Elise, eines Mädchens, das beständig zwischen kindlicher Überforderung und abgrundtiefem Klarblick changiert, mit großer Intensität. Es ist wieder einmal ein Genuss, ihr dabei zuzuschauen. Doch auch der Mutter – gespielt von Christina Große, bekannt aus Doris Dörries Filmen „Glück“ und „Die Friseuse“ – gab Drehbuchautorin Erzsébet Rácz eine glaubwürdige Komplexität, die dieser Geschichte die entscheidenden Zwischentöne ermöglicht.

Mutter Betty verliebt sich in den alleinerziehenden Radiomoderatoren Ludwig (Hendrik Duryn), dieser verguckt sich jedoch in ihre seelenvolle Tochter. Mit allen Mitteln versucht Betty, Ludwig für sich zu gewinnen, spielt sogar die Vorzeigemami und erzählt seinen Kindern zur Nacht die Geschichte von der „Suche nach den verlorenen Träumen“ – worauf die arg vernachlässigte Elise die Beherrschung verliert.


Als die schmählich abgewiesene Mutter zu begreifen beginnt, dass ihr Auserwählter ihre Tochter bevorzugt, spitzt sich die Situation weiter zu. Allerdings bleiben die Szenen zwischen Elise und dem Familienvater mit gebrochenem Herzen eher auf typischem Fernsehspiel-Niveau hängen. Doch zum Glück erweist sich das Band zwischen diesen beiden grundverschiedenen Frauen stärker als jeder „Traumprinz“ – weshalb Wolfgang Dinslages Kammerspiel letztlich doch zu überzeugen weiß.

Text: Gabriele Summen / Fotos: farbfilm verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm
Laufzeit: 94 Min.