Pferde-Porno

Es fällt wirklich nicht ganz leicht, dies zu sagen: Aber eigentlich könnte man einen Porno auch als eine Form von Manipulation definieren, die unter Einsatz möglichst geschickt platzierter Reize beim Betrachter genau eine Reaktion auslöst – diese aber garantiert. Auch viele Filmfans lassen sich gerne stimulieren oder verführen. Zur Tränen-Erguss-Maschine degradiert zu werden, ist allerdings unschön. Steven Spielbergs “Gefährten” ist ein hochmanipulatives Rührstück – mit einem sehr gut aussehenden, virilen, in jeder Muskelfaser vibrierenden, wild schnaufenden, dampfenden Hauptdarsteller. Einem Hengst. Es fällt schwer, diesen Film zu mögen. Entziehen kann man sich seiner Wirkung nicht.

Eine Beziehung von großer Leidenschaft: Albert (Jeremy Irvine) möchte sich nicht von Joey trennen.


Damit nichts missverstanden wird: In sexueller Hinsicht ist Steven Spielbergs opulente Groschenroman-Verfilmung natürlich völlig keimfrei. Und auch als Kriegsfilm trägt er – als groteskes Gegenstück zu Spielbergs beklemmend realistischen Oscar-Erfolg “Der Soldat James Ryan” (1998) – sein diesmal jugendliches Freigabealter völlig zu Recht. Blutströme oder allzu verstörende Nahkampfszenen, wie sie bekanntlich im Granaten- und Giftgas-Horror der Schützengräben an der Tagesordnung waren, durften hier nur angedeutet werden.

Wunden trägt eigentlich nur der Hengst davon – ein feuriges, aber verletzliches Rassepferd, das sich beim brutalen Ackereinsatz auf ländlicher Scholle und auch im Stacheldrahtverhau des Ersten Weltkriegs beinahe aufreibt. Aber eben nur beinahe. In der stärksten Szene des Films, die zwar wie viele andere in ihrer platten Symbolik höchster Kitschgefahr unterlegt und in ähnlicher Form schon in anderen Weltkriegs-Märchen zu sehen war, hat sich das edle “War Horse” (so der US-Originaltitel) hoffnungslos in den todbringenden Eisenverschanzungen im Niemandsland zwischen deutscher und britischer Front verheddert. Und das Wunder wird möglich: Von beiden Seiten klettern mutige Befehlsverweigerer – darunter auf reichsdeutscher Seite ein von Hinnerk Schönemann gespielter schlagfertiger Düsseldorfer – aus dem Morast und befreien gemeinsam das Pferd. So schön könnte Pazifismus sein. Danach wird weiter geschossen.

Die junge Französin Emelie (Celine Buckens) möchte die zwei Kriegspferde, darunter Joey (rechts), auf dem Hof ihres Großvaters (Niels Arestrup) verstecken.



Aber der Reihe nach: Erzählt wird eine durchweg auf Epos getrimmte Liebesgeschichte zwischen Mensch und Kreatur – mit dem edlen Rassehengst Joey (zuvor bereits in “Seabiscuit” oder “Die Legende des Zorro” zu sehen). Ihren Ausgang nimmt sie in einem pastoralen Regenbogenfarben-England, das direkt dem Bilderbuch entsprungen scheint. Hier freunden sich der Bauernsohn Albert (Jeremy Irvine) und das Pferd miteinander an. Gefahr geht nur vom versoffenen Vater Ted (Peter Mullan) aus, der Joey zum harten Dienst an der Pflugschar verdonnert. Als dann wie aus dem Nichts der Erste Weltkrieg ausbricht, ist’s mit der Idylle rasch vorbei. Joey wird an einen arroganten adeligen Offizier verkauft. Albert weint bittere Tränen.

Auf den Schlachtfeldern wechselt das Pferd dann wiederholt die Besitzer, landet auch in den Händen von zwei deutschen Deserteuren (darunter David Kross), als Kanonenzugpferd an der Front und schließlich beinahe beim Pferdemetzger. Doch dann – kaum sind fast drei Stunden vergangen – gibt es ein wunderliches Wiedersehen.

Für die schneidigen britischen Offiziere wirkt der Ausbruch des Kriegs zunächst
wie ein großes Männerabenteuer.



Man kann Steven Spielberg, den man für viele andere ikonische Filme lieben muss, nur danken, dass er sich einen Kunstgriff verkniffen hat: In der Vorlage, einem zu Recht lange vergessenen Kinderbuch aus dem Jahr 1982, fiel Hengst Joey sogar noch die Rolle des Erzähler seiner eigenen Geschichte zu. Dafür bot Spielberg alle erdenklichen Schauwerte auf, um Mädchen- und Männerherzen zu rühren – inklusive eines unerträglich schmalzigen John-Williams-Soundtracks. Dass sich nach einem sinnlichen Höhepunkt schnell Katerstimmung und das Gefühl von Ausgelaugtheit einstellt, passt diesmal ins Bild.

Text: Rupert Sommer / Fotos: DreamWorks II Distribution Co., LLC

Filmbewertung: enttäuschend
Starttermin: 05.01.2012
Freigabealter: ab 12
Verleih: Disney
Originaltitel: War Horse
Laufzeit: 147 Min.