Wenig Licht, viel Zwielicht

Sie machen Schluss mit Deutschland, ziehen nach Norwegen. Alles soll anders werden in Hammerfest für Niels (Jürgen Vogel), seine Frau Maria (Birgit Minichmayr) und ihren Sohn Markus (Henry Stange). Es war dringend Zeit für Veränderungen, denn die Ehe der beiden war am Ende. Doch es stimmt: Egal wohin man geht, sich selbst hat man immer im Gepäck. Und so geschieht auch am Polarkreis kein Wunder, jedenfalls zunächst nicht. Markus hat Probleme in der neuen Schule, Niels findet auch hier schnell eine Affäre, Maria lässt sich im Hospiz als hilfsbereite Kollegin feiern und suhlt sich in ihrer Opferrolle. Matthias Glasners Kammerspiel „Gnade“ fordert seinem Betrachter eine ganze Menge ab.


Eines Nachts geschieht ein Unglück, das das Leben des Paares auf den Kopf stellt. Maria hat einen Unfall, sie war übermüdet und nicht sicher, ob etwas passiert ist. Sie fährt nach Hause. Es stellt sich heraus, dass sie ein Mädchen getötet hat. Birgit Minichmayr absolviert, wie schon bei Maren Ades Beziehungsdrama „Alle anderen“ (2009), große hysterische Auftritte. Sie rechtfertigt sich, verteilt die Schuld, erwartet Beistand und folgt dabei keiner nachvollziehbaren Logik. Was ein Knackpunkt des Films ist.

Das Geheimnis, das beide plötzlich teilen, schult die Wahrnehmung, lässt das Interesse aneinander aufleben – erneuert die Ehe. Ist das logisch? Von Logik will Matthias Glasner nichts wissen, denn ein Film sei Erfindung, sagt er. Also gehe es auch nicht darum, ob etwas realistisch sei. Stur war er schon immer und er habe nie Interesse gehabt, das Leben zu filmen wie es ist. Ihn interessiert das Spiel mit den Möglichkeiten.

Zuletzt präsentierte er Jürgen Vogel in „Der Freie Wille“ als Vergewaltiger und griff in „This Is Love“ das Thema Kinderhandel und Pädophilie auf. Beide Filme wurden bei der Berlinale präsentiert, auch „Gnade“ lief im Wettbewerb der Filmfestspiele. Ein Grund dafür waren sicher die Bilder. Glasners Aufnahmen sind nicht von dieser Welt. Im Zwielicht erkennt man Landschaften, die fremd und unantastbar wirken. Zeitweise badet die Kamera in dieser Schönheit und gibt dem Zuschauer Zeit nachzudenken über die Ereignisse.


Matthias Glasner erzählt diesmal umständlich, die Dialogführung ist ein Stolperparcours, Gespräche bestehen aus lähmenden Wiederholungen. Während die Eltern wieder zueinanderfinden, fühlt sich der Sohn ausgegrenzt, läuft bösen Blickes am Bildrand auf und ab.

Sicher ist, dass der Betrachter mit „Gnade“ Geduld haben muss. Erwartungsgemäß ist in der Polarnacht gar nichts. Glasner verschiebt die Figuren wie beim Schach, und manchmal erwischt man sich in die schummrigen Bilder flüchtend, weil man nichts anzufangen weiß mit diesen Menschen, die sich eine Traumhöhle bauen und die Augen vor der Realität verschließen. Bis, ja bis endlich das Ende kommt und diesem kammerspielartigen Drama, das nicht spart mit großen Gesten, Sinn gibt. Weil es das Ansinnen darlegt. Es stimmt schon, dieses Mal hinkt die Geschichte über längere Strecken, sie humpelt voran, so gar nicht elegant, fast wie das Leben selbst. Sowohl Hans-Christian Schmids „Was bleibt“ als auch Glasners „Gnade“ erschließen sich erst mit dem Schlussakkord. Beide konkurrierten als deutscher Beitrag der Berlinale miteinander, beide mussten sich Christian Petzolds „Barbara“ ergeben, mittlerweile Oscarkandidat für den besten nicht-englischsprachigen Film. Und doch ging man sowohl aus Schmids als auch aus Glasners Film mit dem Gefühl, eine bemerkenswerte Arbeit gesehen zu haben.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Alamode Film / Jakub Bejnarowicz
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Alamode
Laufzeit: 131 Min.