In der Tiefe des Raumes

Er muss es wissen. „Zum Glück waren die fünf Monate, die ich auf der Raumstation verbrachte, wesentlich ruhiger. Aber die Optik war spektakulär“, erklärt Chris Hadfield über „Gravity“. Der ehemalige Astronaut und Kommandant der ISS gab sich nach der kanadischen Premiere des Weltraumabenteuers sehr angetan – und vielleicht sogar ein kleines bisschen verschossen: „Wenn ich jemals wieder ins Weltall fliegen sollte, dann will ich mit Sandra fliegen.“ Damit hat Hadfield das wichtigste eigentlich schon zusammengefasst: „Gravity“ beeindruckt nicht nur durch fantastische Bilder, sondern auch durch seine furchtlose Hauptdarstellerin Sandra Bullock. Regisseur Alfonso Cuarón hat einen der faszinierendsten Filme des Jahres geschaffen – indem er aus gewaltigen Mitteln sehr wenig machte. Genauer gesagt sogar: nichts.

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Die absolute Leere des Alls – das ist die Kulisse, vor der sich das Drama abspielt. Für Dr. Ryan Stone (Bullock) sind die Reparaturarbeiten am Hubble-Teleskop der erste Einsatz, für den Weltraumveteranen Matt Kowalsky (George Clooney) dagegen der letzte. Als irgendwo in der Umlaufbahn die russische Regierung einen veralteten Satelliten abschießt, wird ihre Routinemission zum Albtraum: Die Trümmerteile rasen unkontrolliert auf sie zu und zerstören nicht nur das Teleskop, sondern auch das Shuttle – und machen damit die Heimreise unmöglich. Fast.

Eine kleine Chance gibt es: Die Raumstation ISS verfügt noch über eine Rettungskapsel. Doch zwischen den beiden Astronauten und der Station liegen 100 Meilen leerer Raum. Mit Stones rapide sinkendem Sauerstoffvorrat, Kowalskys schwächelndem Jetpack und ohne Funkverbindung zur Erde machen sich die beiden, verbunden durch ein Rettungskabel, auf den Weg.

Vor den Beginn seines Films hat Cuarón („Children of Men“) ein paar Texttafeln gestellt, die Fakten zum Vakuum, zu Druckverhältnissen, Temperatur und zur Stille aufzählen. Leben im Weltall, so heißt es da, ist unmöglich. Diese Erinnerung wäre nicht nötig gewesen. Die Bilder des Mexikaners und seines Kamermannes Emmanuel Lubezki machen das mehr als deutlich. Sie schöpfen die Möglichkeiten des 3D-Kinos voll aus, setzen die endlose Weite des Alls gegen die klaustrophobische Enge in Stones Raumanzug, und als die Wissenschaftlerin nach dem Trümmereinschlag hilflos, schwerelos und viel zu schnell durch den Raum trudelt, verliert der Zuschauer gemeinsam mit ihr die Orientierung – schrecklich schön und im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend.

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Angesichts dessen ist es umso erfreulicher, dass die zwei einsamen Darsteller nicht von der Kulisse überwältigt werden, sondern nur noch heller scheinen. Insbesondere Bullock beeindruckt, und es überrascht nicht, dass schon während der Filmfestivalsaison eifrig über einen zweiten Oscar für die Schauspielerin getuschelt wurde. So wie Dr. Stone sich zum ersten Mal in den Weltraum wagt, wagt Bullock sich ins ihr bisher vollkommen fremde Genre der Science-Fiction und schlägt sich dabei ebenso bravourös wie ihr filmisches Alter Ego. Sie spielt nie pathetisch (obwohl sie, eine der wenigen Schwächen des Films, dank einer unnötig theatralischen Hintergrundstory dazu durchaus gelegentlich Anlass hätte), sondern zeigt sich ebenso verwundbar wie zäh.

Durch alle Widrigkeiten hindurch kämpft Stone um ihr kleines, nicht allzu spektakuläres Dasein. Cuarón und Lubezki begleiten sie dabei mit filmischen Hinweisen, denen es trotz großer Geradlinigkeit meist gelingt, eher poetisch als platt zu wirken: Das Rettungskabel als Nabelschnur, die rettende Raumstation als Uterus, das Babygeschrei, das irgendwann durch den gestörten Funkverkehr dringt – das alles erinnert immer wieder an die fantastische Unwahrscheinlichkeit des Lebens.

Der Höllenritt durch den Weltraum ist nur 90 Minuten kurz, dabei aber keine Sekunde langweilig. Mit fantastischen Schauwerten und einer herausragenden Hauptdarstellerin einer der lohnendsten Filme des Jahres.

Text: Sabine Metzger / Fotos: 2013 Warner Bros. Entertainment Inc.
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Science Fiction
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 91 Min.