Keine Zoten, nur Sex

Drei sind keiner zu viel – zumindest Männer kann man bedenkenlos zu dritt auf die Reise schicken. Das bewies beispielsweise die kleine, feine Produktion „Bis zum Ellenbogen“ (2007) mit Jan Josef Liefers. Obwohl da drei rein und nur zwei raus gingen. Bei der belgischen Komödie „Hasta La Vista“ denkt man jedoch eher an einen anderen Film aus Liefers Filmografie, an „Knockin’ On Heaven’s Door“ (1997) nämlich. Und auch das erfolgreiche Road Movie „vincent will meer“ (2010) mit Florian David Fitz kommt einem unweigerlich in den Sinn. In allen drei Filmen wollten kranke Menschen mal raus aus ihrem drögen, überwachten Alltag und im direkten oder übertragenen Sinn das Meer sehen. Im aktuellen Fall der drei gehandicapten Freunde Philip, Lars und Jozef gibt es nur ein Ziel: Sex.


Jetzt klingen Titel und das vorformulierte Ziel recht plakativ. Darum sei sofort abgewiegelt, dass es hier nicht um Zoten geht und Regisseur Geoffrey Enthoven weit weg von allen „American Pies“ dieser Welt ist. Der Mann mit Faible für abseitige Themen – „Les Enfants De L’Amour“ (2002) erzählte etwa von drei Scheidungskindern – schickt in seinem fünften Spielfilm zwei Jungs mit körperlicher Behinderung in den Urlaub. Dem dritten muss man eine tödliche Krankheit attestierten – der Querverweis zu „Knockin’ On Heaven’s Door“.

Lars (Gilles de Schryver), der sympathische Wuschelkopf hat einen Tumor, Philip (Robrecht Vanden Thoren), der vom Hals abwärts Querschnittsgelähmte, ist ein großer Zyniker und der fast blinde Jozef (Tom Audenaert) ein kräftiger, herzensguter Junge. Die drei sind die besten Freunde. Vom Alter her erwachsen, leben sie in der wohl behüteten Enklave ihres Elternhauses. Passieren kann da nichts. Auch nichts Positives.

Darauf warten die drei Jungs nämlich. Es ist inakzeptabel, dass sie bisher noch keine Frau hatten. Als Philip von einem „Kollegen“ erfährt, dass es in Spanien ein Bordell gibt, das sich auf Leute wie sie spezialisiert hat, ist der Floh aus dem Ohr nicht mehr wegzukriegen. Da wollen sie hin.


Nur rät Lars’ Arzt schon von dem Ausflug ab, als der noch als kulinarische Entdeckungsreise deklariert wird. Da beschließen die drei endlich mal was auf eigene Faust zu machen, ordern einen schäbigen Bus und die ungelenke Betreuerin Claude (grandios: Isabelle de Hertogh), um ans Ziel zu gelangen.

Alles nicht so einfach. Denn auch die Kleinigkeiten machen ihnen sehr viel Mühe. Man merkt den Jungs an, dass sie für ihr Leben bisher kaum Verantwortung übernehmen mussten und ihre Narrenfreiheit eigentlich genossen. Insbesondere der cholerische Philip macht sich und anderen gerne Probleme, schließlich meint er, sich in seiner Lage alles erlauben zu dürfen. Gleichzeitig spürt man ihre Angst vor der Welt. Denn wenn man gehandicapt ist, ist so ein in Watte gehülltes Leben auch etwas Wunderbares.

Geoffrey Enthoven beweist ein gutes Händchen im Umgang mit dem schwierigen Thema. Ein Freund von Bedeutungsschwere ist er nicht: Die Sache ist ernst, dennoch bringt er in „Hasta La Vista“ wunderbaren Humor unter, ohne sich ständig auf die Schenkel klopfen zu müssen. Selbst die Tatsache, dass der Dicke öfter als die anderen für die Pointen zuständig ist, bugsiert den Film nicht in die Klischeekiste.


Der Regisseur bereitete übrigens eine wahre Geschichte fürs Kino auf: Die britische Dokumentation „For one night only“ liegt dem Film zugrunde. Asta Philpot, der gelähmte Protagonist, dem es um ein Recht auf Sex ging, beriet Enthoven. Nach anderthalb Jahren Vorbereitung entschied sich der übrigens, doch nicht mit Behinderten zu drehen, sondern engagierte Schauspieler. Die Frage wird nach dem Kinobesuch wahrscheinlich aufkommen.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Hasta la Vista
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Ascot Elite
Laufzeit: 120 Min.