Lächelnd gehen

Ein nichtssagender Titel. Ein Plakat, das nach fröhlicher Liebeskomödie aussieht und ein früh veröffentlichter Trailer, in dem Max Riemelt und Elyas M’Barek einen schlechten Anmachspruch nach dem anderen kredenzen. Wenn man wollte, könnte man dem zuständigen Studio Constantin im Fall von „Heiter bis wolkig“ mutwillige Täuschung vorwerfen. Nur durchkommen würde man damit wohl nicht: Denn der Film von Marco Petry („Schule“) handelt über weite Strecken tatsächlich Abschleppstrategien ab und changiert zwischen romantischer Komödie und Coming-Of-Age-Geschichte. Doch kratzt man all diesen schmückenden Zuckerguss ab, zeigt „Heiter bis wolkig“ vor allem den letzten Akt im Leben einer krebskranken jungen Frau – und Jessica Schwarz in einer ihrer forderndsten Rollen.


Einige Filmemacher trauten sich in den vergangenen Monaten, das Thema Krebs auf ungewöhnliche Art und Weise anzugehen: Gus Van Sant ließ in „Restless“ (2011) eine sterbende Teenagerin zarte Bande zu einem Außenseiter knüpfen, die Französin Valerie Donzelli hingegen zeigte in „Das Leben gehört uns“ (2011) mit sehr erfrischender Bildsprache die Perspektive der Eltern eines krebskranken Kleinkindes. Und Jonathan Levine fand in seiner Independentkomödie „50/50“ (2011) einen nicht minder beeindruckenden Weg, angesichts des ernsten Themas Tragik und Komik auszubalancieren.

Wirklich interessiert hat das die meisten Kinogänger leider nicht. Keine der drei Produktionen fand in Deutschland mehr als 50.000 Zuschauer. Dass es dem eben gestarteten Krebsdrama „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ trotz lobender Kritiken wesentlich besser ergehen sollte, ist zu bezweifeln. Angesichts dieser Zahlen ist es also kein so dummer Schachzug von Regisseur Marco Petry und Drehbuchautor Axel Staeck, das Publikum nicht sofort auf die ernste Thematik des Films hinzuweisen.

So lernt man zunächst die Freunde Tim (Max Riemelt) und Can (Elyas M’Barek) kennen, die sich eine ganz besondere Flirtmasche ausgedacht haben: Der eine quatscht eine hübsche Frau an und erzählt ihr vom tragischen Schicksal des anderen. Krebs habe der, und deshalb nicht mehr lange zu leben und nur noch einen Wunsch – Sex. Warum zwei blendend aussehende junge Männer, die berufsbedingt obendrein noch prima kochen können, so eine zweifelhafte Taktik nötig haben? Man weiß es nicht. Bei den ahnungslosen Frauen jedenfalls funktionierte die Tour bislang problemlos – bis Tim sich auf diese Weise ins Bett der schönen Marie (Anna Fischer) schleichen will. Deren große Schwester Edda (Jessica Schwarz) leidet tatsächlich an unheilbarem Lymphdrüsenkrebs.


Welchen Verlauf eine Beziehung nimmt, die auf einer Lüge fußt, lässt sich nach unzählen Hollywood-RomComs und SAT.1-Filmen mit ähnlichem Grundgerüst leicht erraten. Diese offenkundige Schwachstelle wird am Ende jedoch genauso irrelevant erscheinen wie die Eindimensionalität von M’Bareks Can oder die anfängliche Aneinanderreihung von Albernheiten. Denn mit der Einführung von Jessica Schwarz’ Edda erlebt der Film einen merklichen Bruch. Einen, der willkommener nicht sein könnte: Die Dramödie erhält einen neuen Fixpunkt, eine Figur so mitreißend wie eine Naturgewalt.

Edda ist ein Ausbund an Zynismus und bitterem Galgenhumor, brüsk und verletzlich, tough und verängstigt, und dank Jessica Schwarz’ bemerkenswertem Spiel vor allem authentisch. Im Gegensatz zur erstaunlich naiven Marie durchschaut sie Tims Lüge sofort, hütet sich aber, ihn zu enttarnen. Stattdessen bindet sie den Verehrer der Schwester in ihren eigenen, höchst unterhaltsamen Rachefeldzug gegen ihre ehemalige Chefin und ihren Ex-Verlobten ein.

An Lachern soll es also auch weiterhin nicht mangeln – nur wird der Humor deutlich feinsinniger, der Ton zusehends ernster, ohne je in Schwermut überzugehen. Sachte bereitet Marco Petry den Weg zu einem rührenden, erwachsenen Finale. In gewisser Weise lässt er dabei seinen Film einen ähnlichen Reifeprozess durchlaufen, wie ihn Tim durchlebt. Muss dessen Leben vor Marie und Edda vielleicht deshalb so lächerlich überdreht wirken? Weil man das eigene Leben und die eigenen Probleme schlagartig neu bewertet, wenn man jemanden kennenlernt, der nur noch allerletzte Angelegenheiten regeln kann? Das jedenfalls ist die wichtigste Lehre, die die Zuschauer aus diesem Film mitnehmen können. Mit etwas Glück werden es diesmal mehr als 50.000 sein.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2012 Constantin Film Verleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Komödie
Freigabealter: 6
Verleih: Constantin
Laufzeit: 99 Min.