Ungebetene Gäste

An Ulrich Tukur kommt man im Moment nicht vorbei. Sein neuer „Tatort: Schwindelfrei“ wird am Sonntag, 08.12., im Ersten ausgestrahlt, in manchen Kinos läuft „Exit Marrakech“ noch und „Houston“ rückt gleich nach. Im Wüstenepos von Caroline Link hatte Tukurs Figur vergleichsweise mehr Glück: Die Annäherung zwischen Vater und Sohn fand ein versöhnliches Ende. „Houston“ indes, das neue Kinodrama mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle, ist dagegen so klein, so anders. So mutig. Und dabei passiert im herkömmlichen Kinosinne kaum etwas.

Einsamkeit: Das Leben im Hotelzimmer, das ewige Scheitern nagt am Headhunter Trunschka (Ulrich Tukur).

 

Drehbuchautor und Regisseur Bastian Günther öffnet dem Zuschauer die (Auto-)Tür zu Clemens Trunschka (Tukur) zunächst nur einen Spalt. Wie ein ungebetener Gast erlebt das Kinopublikum die ersten Minuten mit Clemens und seiner Frau (Jenny Schily), um dann – noch ungebetener – mit dem Ehepaar eine demütigende Autofahrt zu erleben. Es ist klar: Hier wird es sehr privat. Die Gattin des Headhunters hält die Fassade aufrecht und leidet.

 

Ihr Mann macht unbeirrt weiter, als selbstständiger Unternehmer muss man Leistung bringen, und es steht ein großer Auftrag an. Clemens soll den CEO von Houston Petrol für einen deutschen Automobilkonzern abwerben. Bei der Konferenz in Deutschland verpasst er den mächtigen Mann und muss in die USA fliegen.

Deutsch-Amerikanische Kumpelschaft: Clemens Trunschka (Ulrich Tukur, links) begegnet im Hotel immer wieder dem skurrilen Robert Wagner (Garret Dillahunt).

 

Eine Weile beschäftigt sich der Film mit den Methoden, die so ein Headhunter draufhat. Lügen, deichseln, manipulieren – kein schöner Job. Eigentlich macht Clemens das clever, aber er beißt ausschließlich auf Granit, und die Situation wird zunehmend ungemütlich. Sogar für den Zuschauer.

 

Viel Selbstbewusstsein hat der Headhunter derzeit nicht, das spürt man, aber er kämpft. An der texanischen Hotelbar lernt er einen sonderbaren Typen kennen, der – natürlich – nervt. Robert Wagner (Garret Dillahunt), haha, wie der Schauspieler, kauderwelscht der ungebetene Gast und errät natürlich sofort, dass Trunschka Deutscher ist. Super. Doch das Leben von Clemens Trunschka wird in den nächsten Tagen so mies werden, dass dieser viel zu laute und gutgelaunte Typ im Grunde der einzige Lichtblick ist.

Im Grunde ist er hilfsbereit, dennoch nervt dieser Robert (Garret Dillahunt) Clemens (Ulrich Tukur, vorne) ganz gewaltig.

 

„Houston“ ist ein Film über das Scheitern, ein Film, der vieles unausgesprochen lässt, den man intuitiv versteht. Bastian Günther geht hohes Risiko: Es passiert so wenig Erzählenswertes, und doch entwickelt „Houston“ eine große Sogwirkung. Mal dreht er den Ton ab, dann wählt er eigenartige Bildausschnitte und schließlich stellt er die Sonne als zweiten Hauptdarsteller ein, die Drinks und sogar Staubkörner gefährlich aussehen lässt. Die Handlung zieht sich wie ein schlechter Tag. Aber wenn man spürt, wie „Houston“ nachwirkt, weitergärt, bereut man keine Minute.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Farbfilm
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm
Laufzeit: 107 Min.