Freud, das Unbewusste und ich

Die Rolle der Geheimnisvollen scheint ihr auf den Leib geschrieben: Charlotte Rampling, die subtile Schöne mit den irritierenden Augen, spielt sie immer wieder; gerade auch in den Filmen des französischen Regiestars Francois Ozon. In „Swimming Pool“ gab sie eine mysteriöse Schriftstellerin, in „Unter dem Sand“ eine Frau, die sich, ganz in ihrer eigenen Vorstellungswelt gefangen, mit dem Tod ihres Mannes nicht abfinden will. Auch in „I, Anna“, der auf dem gleichnamigen Roman der amerikanischen Psychoanalytikerin Elsa Lewin basiert, verkörpert sie unter der Regie ihres Sohnes Barnaby Southcombe einmal mehr eine Figur mit problematischem Psychogramm: eine Frau, die Opfer ihrer Vorstellungswelten ist – mit fatalen Folgen.

Szene mit Gabriel Byrne und Charlotte Rampling.
Anna (Charlotte Rampling), Ende 50, macht sich keine Hoffnungen mehr, und ist doch auf der Suche nach Liebe. Ihre Ehe ist längst in die Brüche gegangen. Sie tut sich schwer, das endlich zu akzeptieren. Ihre erwachsene Tochter Emmy (Hayley Atwell), die zusammen mit ihrem Kind in Annas Wohnung lebt, animiert sie zur Partnersuche. Aber Speed Dating ist so gar nicht Annas Ding. Wie sie sich unbeholfen bewegt inmitten der routinierten Liebeshungrigen – das spielt Charlotte Rampling mit großer Perfektion. Jedenfalls gelingt ihrer Anna die Annäherung dann doch, am Ende geht sie mit ihrer Eroberung George Stone (Ralph Brown) nach Hause. Am nächsten Tag ist George tot. Und der gelangweilte Inspektor Bernie Reid (Gabriel Byrne, „In Treatment“) auf der Suche nach dem Mörder. Bei seinen Ermittlungen begegnet er in der Nähe des Tatorts Anna. Es ist etwas Rätselhaftes an dieser Frau, das ihn fasziniert.

Während zunächst Georges Sohn ins Visier der Mordermittler gerät, lässt die mysteriöse Anna Inspektor Reid keine Ruhe. Da scheinen sich zwei gefunden zu haben: der ausgebrannte Ermittler mit Schlafstörungen, der selbst an seiner zerbrochenen Ehe zu knabbern hat, und die einsame Frau, der das Unterbewusstsein zu schaffen macht. Zwei Antihelden also, die im graukalten London mehr schlecht als recht ihr Leben meistern, weil sie Fehler gemacht haben, die irreparabel sind. Die beiden verabreden sich, aber als Bernie Anna auf ihre erste, flüchtige Begegnung anspricht, kann sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Hat sie einmal mehr einen Blackout? Am Ende von Reids Ermittlungen steht eine grausame, traurige Wahrheit.

Szene mit Charlotte Rampling.
Barnaby Southcombe konzentriert sich bei seinem Psychothriller auf die psychische Verfassung seiner Hauptfiguren. Der Ermittler muss sich behaupten zwischen erotischer Anziehung und solider detektivischer Recherche. Anna hingegen sucht in ihrer Unzurechnungsfähigkeit verzweifelt Halt in der Liebe. Was passiert ist in jener tragischen Nacht, das zeigen Flashbacks; die Erinnerung, an das was geschehen ist, sind lose Fragmente, die erst nach und nach Sinn ergeben.

Byrne und Rampling erweisen sich einmal mehr als großartige, routinierte Schauspieler, die überzeugend die plakative Verlorenheit ihrer Figuren verkörpern. Zusammen mit der ästhetischen Kamera von Ben Smithard, die ein bedrohlich düsteres und anonymes London skizziert, und dem bemerkenswerten Soundtrack des französischen Elektro-Duos K.I.D., ergibt dies einen atmosphärisch dichten, aber leider etwas monotonen Film noir, der angestrengt zeigen will, dass wir alle Opfer unseres Unbewussten sind.

Diese Geschichte ist im Kino übrigens nicht neu: Bereits 1998 hat Regisseur und Produzent Nico Hofmann Elsa Lewins Buch verfilmt. „Solo für Klarinette“ hieß er da, inszeniert allerdings als leidenschaftliches Drama mit Corinna Harfouch und Götz George in den Hauptrollen.

Text: Heidi Reutter / Fotos: NFP
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: I, Anna
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: NFP
Laufzeit: 91 Min.