Sensibles Keller-Melodram

„Für mich ist dieser Film eine Rückkehr ins Leben“, sagt der 73-jährige Regie-Altmeister Bernardo Bertolucci („Der letzte Tango in Paris“, „Der letzte Kaiser“) über seine neue Arbeit. „Ich habe in den letzten zehn Jahren in einer Erstarrung gelebt. Die Unbeweglichkeit des Rollstuhls ließ mich glauben, meine Zeit als Filmemacher sei vorüber. Ich wachte erst auf, als ich meine Lage akzeptierte und begriff, dass es möglich sein würde, Filme aus einer anderen Position heraus zu machen: sitzend statt stehend. Nach ‘Ich und Du’ bin ich wieder im Rennen und bereit, den nächsten Film zu drehen.“ – Bertoluccis „Ich und Du“ spielt im Untergrund, und auch wenn sich nicht sagen lässt, ob den Regisseur das Rollstuhl-Dasein nach einer missglückten Operation zusätzlich sensibilisierte – man muss ihm bescheinigen, dass dieses Kammerspiel eine Kraft besitzt, die heutzutage selten ihresgleichen hat. Der Rückzug eines Jugendlichen voller Wut und Sehnsucht nach Liebe.

Zehn Jahre nach "Die Träumer" und vielen Jahren im Rollstuhl gelang Bernardo Bertolucci ein sensibles römisches Melodram.

 

Mit Symbolik, zweideutigen Anspielungen, aber auch Humor wird in Bertoluccis Film nach einer Erzählung von Niccolò Ammaniti nicht gespart. Gleich zu Beginn sieht man einen jungen Mann, der seiner Mutter beim Psychiater lauscht. Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) ist in einen Vorhang eingewickelt wie in einen Kokon – ein Insekt, das sich vielleicht irgendwann entwickeln wird und zu neuem Leben kommt.

 

Von der Seichtigkeit üblicher Coming-of-Age-Filme ist Bertolucci weit entfernt. Er kriecht förmlich in seinen 15-Jährigen hinein, als wollte er sich selbst in ihn verwandeln. Nicht nur, dass die Kamera immer wieder in Großaufnahmen die Akne-Pickel und das Flaumbärtchen dieses Teenagers zeigt – seine Wutanfälle werden ernstgenommen, die stillen, schweigenden Momente werden mit größter Anteilnahme ausgehalten.

Das Kellerverlies von Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) und Olivia (Tea Falco) ist vielleicht ein bisschen zu schick, aber die Schauspieler berühren. Gerne wird dann auch die Symbolik geschluckt.

 

Und mehr noch: Gleich greift Bertolucci auch in die Tasten der Tiefenpsychologie hinein: In einem Restaurant zieht der junge Lorenzo, unglaublich konzentriert vom Newcomer Jacopo Olmo Antinori gespielt, seine junge hübsche Mutter Arianna (Sonia Bergamasco) ins Gespräch: Was wäre, wenn wie in einem Science-Fiction-Film eine Katastrophe über die Erde käme und wir die einzigen Überlebenden wären? Würden wir für neuen Nachwuchs sorgen, und wenn ja, wie hieße dann wohl unser Sohn?

Ein letzter Tanz und ein Versprechen: Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) und Olivia (Tea Falco) versprechen sich, ihr Leben zu ändern.

 

Natürlich wird dieser Gedanke als abwegig zurückgewiesen. Genauso wie der Junge die Mutter zurückweist, als sie ihn zum Bus bringen will, mit dem der Sohn mit seiner Schulklasse in den Skiurlaub fahren soll. Doch Lorenzo will sich von der Mutter nicht zu den anderen fahren lassen – er entsteigt dem Auto und kehrt heimlich nach Hause zurück – in ein Kellerrefugium, das er sich zurechtgebastelt hat, mit allem, was man so zum Überleben braucht. Bücher, ein bisschen Musik, ein Terrarium, in dem die Ameisen kriechen. Lorenzo hat was für Tiere übrig – mit Chamäleons kennt er sich besser als der Chef der Zoohandlung aus.

Olivia (Tea Falco) ist Lorenzos schöne, aber von Drogen gezeichnete Schwester. Kann ihr geholfen werden?

 

Es ist ein klaustrophobischer Ort, ein Bunker, in den sich Lorenzo da zurückgezogen hat. Mehr fertig als dieser römische Knabe könnte man mit der Welt nicht sein. Einer gegen alle – Alleinsein als Affront. Allerdings: Lorenzo ist weit mehr als nur er selbst. Er ist schon eine Metapher für den Untergang, für den Verfall unserer Gesellschaft und der Familie.

 

Bald wird Lorenzo Besuch bekommen, von seiner älteren Halbschwester, deren Familie Lorenzos Vater verlassen hat. Olivia (Tea Falco) stört nicht nur wegen ihrer Heroinabhängigkeit Lorenzo empfindlich in seinem Versteck, sie wird eine neue Herausforderung bieten: Ich brauche dich! Am Ende des Films versprechen die beiden einander, nie mehr Drogen zu konsumieren (sie) und sich nicht mehr zu verstecken (er). Ein Versprechen, das zumindest zur Hälfte nie gehalten wird.

Ein Bild wie aus Vogue - endlich sind Olivia (Tea Falco) und Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) wieder frei.

 

Vielleicht ist Tea Falco als drogensüchtige Nymphe einfach zu schön, vielleicht ist das Spiel mit dem Inzest, der Wälsungen-Situation, etwas zu holzhammerhaft, und vielleicht ist dieser ganze Indianerspiel-Keller mit seinen Heizungsrohren und seiner Gammeltoilette (vom Kleiderfundus einer alten Gräfin nicht zu reden) vom Zufall viel zu komfortabel ausgestattet. Trotzdem: Bertoluccis sensibles Keller-Melodram trifft den Nerv der Zeit und deren Depression. Allerdings sollte, wer die Möglichkeit hat, den Film auf Italienisch sehen. Sonst geht vieles verloren.

 

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Kool Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Io e te
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Kool Film
Laufzeit: 97 Min.