Rufmord in Kriegszeiten

Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa („Mein Glück“), der in Berlin lebt und unter anderem mit deutschem Geld seine Filme inszeniert, hat der Kinowelt neue Schattierungen von Grau hinzugefügt. Er zeigt, wie wenig Menschen das, was mit ihnen passiert, in der Hand haben. Sein Interesse gilt dabei der Frage, wie sie damit umgehen und was ihnen das Menschsein letztlich noch bedeutet. In Worte fassen lässt sich die Antwort darauf nicht, wohl aber hat Loznitsa Bilder, Gesichter und Stimmungen, die er auch in seinem Drama „Im Nebel“ wirken lässt. Dafür erhielt der Film in Cannes 2012 den Preis der internationalen Kritik.


Russland 1942: Die deutsche Wehrmacht hält die westliche Grenze des Reichs besetzt. Nach einem Sabotageakt an den Gleisen werden mehrere Männer verhaftet und gehängt. Der zu Unrecht festgenommene Eisenbahnarbeiter Sushenya (Vladimir Svirski) scheint noch einmal davongekommen zu sein. Der deutsche Kommandant lässt ihn laufen, und das, obwohl er zuvor eine Spitzeltätigkeit verweigerte. Eine sadistische Aktion des Nazis, denn er und auch Sushenya wissen genau, was passieren wird. Der Russe gilt jetzt unter den Seinen als Verräter, seine Ehre ist verloren, und er muss mit einer Bestrafung für sich und seine Familie rechnen.

Den Partisanen Burov (Vlad Abashin) und Voitik (Sergei Kolesov) fällt es zu, an Sushenya Rache zu nehmen. Um ihn nicht vor den Augen seines Sohnes und seiner Frau zu richten, nehmen sie ihn mit in den Wald. Hier soll er sein eigenes Grab schaufeln. Für den Zuschauer fast schon unerträglich stoisch nimmt er sein nahendes Ende an, und stapft mit dem Spaten über der Schulter eine scheinbar unendliche lange Einstellung durch die dunkle Natur. Doch dann werden die Rächer selbst überfallen und schwer verwundet. Sushenya wird vom Opfer zum Akteur, schultert den Verletzten und versucht, seine Vollstrecker vor der Polizei zu schützen. Wie eine Art Christusfigur trägt er Burov als sein Kreuz auf dem Rücken, mit dem Wissen, dass sich sein Schicksal sowieso erfüllen muss.


Drei Männer, zum Handeln getrieben von äußeren Umständen, werden in einer Wartesituation im Wald miteinander konfrontiert werden. Der Tod ist in ihrem Leben als emotional Betäubte ständig präsent und die Kommunikation schon lange gestorben. Der Film schleicht wie seine Protagonisten voran und lässt den ausgezeichneten Darstellern, allen voran Vladimir Svirski, Raum für minimalistisches, aber in der Gesamtwirkung hypnotisierendes Spiel. Dabei stört keine Musik und keine aufgesetzte Erklärung – den Nebel um die mysteriöse menschliche Existenz und ihrer manchmal seltsamen Gesetzmäßigkeiten muss hier jeder für sich lichten.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: Neue Visionen
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 128 Min.