Sex, Lügen und Poesie

Claude (Ernst Umhauer) richtet es so ein, dass er Madame Esther Artole (Emmanuelle Seigner) allein antrifft. Ihr Mann, Rapha Senior (Denis Ménochet), und ihr Sohn, Rapha Junior (Bastien Ughetto), sind beim Sport. Claudes Behauptung, er wolle sein Mathematikbuch abholen, das er bei seiner letzten Nachhilfestunde für Rapha Junior vergessen hat, ist eine Finte. Unvermittelt sagt er zu Madame: „Sie tragen genau solche Ohrringe wie meine Mutter.“ Die bislang kühle Esther ist verdutzt, erstaunt, gerührt. Claude setzt hinzu: „Sie verließ uns, als ich neun war.“ Esthers Gesicht wird mitleidig. Sie bietet Claude etwas zu trinken an. „Wenn ich meine Mutter auspacke, werden die Frauen weich“, bilanziert Claude. Er sagt dies nicht, denkt es auch nicht – sondern schreibt es in François Ozons „In ihrem Haus“ in einem Fortsetzungsroman.


Gymnasiallehrer Germain (Fabrice Luchini) ist verzweifelt über die Ignoranz seiner Schüler gegenüber Sprache und Literatur. Bis er die eng beschriebenen Seiten von Claude Garcia liest. Aus der Aufgabe, einen Aufsatz über die Wochenenderlebnisse zu schreiben, hat der Sechzehnjährige eine scheinbar autobiografische Erzählung entwickelt. In dieser ist er drauf und dran, Madame Artole mit seiner poetischen Ader und seinem Wissen über Kunst zu verführen. Pure Erfindung? Oder steckt weit mehr als ein Körnchen Wahrheit darin?

Tatsächlich zählt Rapha Artole Junior genauso zu Germains Schülern wie Claude. Nicht nur Germain, auch seine Frau Jeanne (Kristin Scott-Thomas), die als Leiterin einer schlecht besuchten Kunstgallerie dilettiert, ist fasziniert. Germain gibt Claude Schreibtipps. Und als die Artoles Claude gegen einen professionellen Nachhilfelehrer für ihren Sohn austauschen wollen, verhindert er dies trickreich. Doch das hat schlimme Konsequenzen für ihn.

„Fortsetzung folgt“: Claudes Schnörkel unter seine frühreifen literarischen Teillieferungen werden für Kult-Regisseur François Ozon zur Zauberformel. Er mache Filme, weil ihm sein Leben sonst zu langweilig sei, meinte der Franzose einmal. Aus demselben Grund sind Germain und Jeanne süchtig nach jeder weiteren Episode aus Claudes Feder. Das ist kein Wunder. Claudes Abenteuer bei den Artoles, die auf Ozons freier Adaption eines Theaterstücks von Juan Mayorga beruhen, sind charmant, erotisch prickelnd und voller unheilvoller Andeutungen. Sofort sympathisiert man mit Germains Unterstützung für Claude.


So groß Ozons Gespür für das Verlangen eines frustrierten Intellektuellenpaars nach Ablenkung vom drögen Alltag jedoch auch sein mag – das Gesamtprojekt überfordert ihn. Weder genügen seine Einfälle, um Claudes Story und die Unterbrechungen des Schreibprozesses gleichermaßen dramatisch zu gestalten, noch überzeugt er beim abgründigen Spiel mit der Macht der Fantasie über das Leben wie etwa sein Landsmann Michel Deville. Ozon feierte eben nicht mit der Verfilmung hoher Literatur, sondern mit Kinohommagen wie „8 Frauen“ und zuletzt „Das Schmuckstück“ große Erfolge. Entsprechend unschlüssig experimentiert er in seinem neuen Werk herum. Bald werden ganze Handlungsabschnitte in den verschiedenen Varianten von Claudes Abfassungen vorgeführt, bald Germain als Mentor nur für Claude sichtbar ins Haus der Artoles versetzt. Teilweise ist das witzig, im Ganzen aber ohne klare Linie.

Auf der Suche nach einem Ruhepunkt heftet sich die Kamera von Jérôme Alméras mehr und mehr an den jugendlichen Claude. Doch genau der ist ein großer Schwachpunkt. Weder Claudes Interesse an den Artoles noch sein Schreiben werden ausreichend motiviert. Und während Luchini, Scott-Thomas und Seigner mühelos ihre Figuren zum Leben erwecken, ermüdet das pseudomysteriöse Lächeln des blonden und blauäugigen Ernst Umhauer auf Dauer sehr. Aber einen spannenden Film zu machen, der mit so wenig Blut auskommt und stattdessen so viel Pfiff und visuellen Appeal bietet, hat einen Wert an sich.

Text: Andreas Günther / Fotos: 2012 Concorde Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Dans la maison
Genre: Thriller
Freigabealter: 12
Verleih: Concorde