Vor aller Augen

Wie ein Centstück in einen Parkautomaten eingeworfen wird, ist in „Jack Reacher“ etwa ein halbes Dutzend Mal zu sehen. Auch wie der Killer mit der Sonnenbrille am helllichten Tag die Waffe anlegt, auf eine Handvoll unbescholtener Leute zielt und sie einen nach dem anderen erschießt. Ex-Militärermittler Jack Reacher (Tom Cruise) begibt sich an den Tatort, ein kleines Parkgelände gegenüber einem Parkhaus, aus dem die Schüsse abgefeuert wurden. Im Kopf geht er immer wieder die Ereignisse durch, wie sie die Polizei rekonstruiert hat, um herauszufinden, was an der Sache faul ist. Der Zuschauer hat die Wahrheit gesehen, doch es ist ihm nicht bewusst. Nur ein Beweis, aber ein schlagender, welch wunderbares Thriller-Rätsel man vor sich hat.


Mit „Jack Reacher“ hat der gleichnamige Serienheld aus den Büchern von Lee Child seinen ersten Kinoauftritt, basierend auf dem deutsch erstmals „Sniper“ betitelten Roman. Auch die Verfilmung beginnt mit der minutiösen Darstellung der Ermordung von fünf Menschen, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben.

Als psychopathischer Killer verhaftet wird der vorbestrafte Ex-Soldat Barr (Joseph Sikora). Der möchte unbedingt mit Jack Reacher sprechen, einem ehemaligen Militär-Kriminalisten, der ihn einst in den Knast brachte und nun als einsamer Drifter kreuz und quer durch die USA reist. Als Reacher eintrifft, liegt Barr jedoch im Koma, von Mitgefangenen bewusstlos geprügelt. Überzeugt, dass irgendetwas nicht stimmt, versucht Reacher zusammen mit Barrs Anwältin Helen (Rosamund Pike) die mysteriösen Hintergründe der Tat aufzudecken – und kommt einem Komplott auf die Spur.

Hinter die Fassade trügerischer Realität zu blicken und dabei die verblüffendsten Entdeckungen zu machen, ist der große Reiz der Reacher-Romane. Und der kommt eins zu eins auf die Leinwand. Die Indizien, Hinweise, Hypothesen und Irritationen in Jack Reachers tastender Ermittlungsarbeit werden faszinierend in visuellen Details und Arrangements in den Blick gerückt, die wie Puzzleteile bewegt werden, bis sich in bester Krimitradition die Lösung abzeichnet. Paradoxerweise verbergen sich dabei die großen Geheimnisse gerade dadurch, dass sie vor aller Augen ausgebreitet sind.


Dinge ins Bild zu bringen, die zu vertraut sind, um noch wahrgenommen zu werden, machte einst den Kunstanspruch des Kinos aus. In „Jack Reacher“ gewinnen daraus Regisseur („The Way of the Gun“) und Drehbuchautor („Die üblichen Verdächtigen“) Christopher McQuarrie sowie sein äußerst versierter Kameramann Caleb Deschanel Spannungsunterhaltung der Spitzenklasse. Da sind ein schwächelndes letztes Drittel und der Regisseur Werner Herzog („Die Höhle der vergessenen Träume“) als wenig überzeugender Bösewicht verzeihlich.

Tom Cruise wird derweil buchstäblich die Rennstrecke eingeräumt, die einem Superstar wie ihm gebührt. Der Polizei, die ihn sehr bald jagt, darf er mit einem hochgetunten Youngtimer davonflitzen. Das macht er so gekonnt, dass „Drive“ mit Ryan Gosling am Steuer dagegen fast ein bisschen arm wirkt. Trotz demonstrativem Schulterrollen und beeindruckend muskulösem Oberkörper reicht Tom Cruise keineswegs an die von Lee Child beschriebene Physis Jack Reachers heran. Aber er punktet als überraschend glaubwürdiger Detektiv, der einfühlsam und doch zielstrebig den Menschen seiner Umgebung ihre kleinen und großen Heimlichkeiten entlockt.

Statt über den Globus zu turnen wie in „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ muss Cruise jedoch mit einer Mischung aus Befremden und Anteilnahme ein ziemlich heruntergekommenes Amerika durchforschen. Das Betreten eines Hauses der so genannten weißen Unterschicht wird Reacher dabei fast zum Verhängnis. Das Publikum hat zu diesem Zeitpunkt gelernt, bei diesem Film die Augen aufzureißen. Es achtet auf alles irgendwie Verdächtige, als könnte es Reacher davor warnen. So packend kann Kino eben sein.

Text: Andreas Günther / Fotos: 2012 Paramount Pictures / Karen Ballard
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Jack Reacher
Genre: Action
Freigabealter: 16
Verleih: Paramount
Laufzeit: 130 Min.