Zwillinge über sich

Männer in Frauenkleidern haben auf der Leinwand eine lange Tradition. Oliver Hardy und Heinz Rühmann als “Charleys Tante”, Dustin Hoffman als “Tootsie”, Robin Williams als “Mrs. Doubtfire”, zuletzt gar Matthias Schweighöfer in “Rubbeldiekatz”. Wenn sich Adam Sandler, immer noch einer der bestbezahlten Komiker Amerikas, nun mit seiner selbstgeschriebenen Doppelrolle in “Jack und Jill” in diese illustre Ahnengalerie ein- oder vorreiht, dann ist das nicht als künstlerischer oder gar kommerzieller Erfolg zu werten: In den USA ist die 80 Millionen Euro teure Kinoklamotte bereits grandios gefloppt. Leider zu Recht.

Jack Sadelstein ist Werbefilmregisseur und deshalb gestresst. Die Konkurrenz ist hart, die Testimonials sind teuer, die großen Kunden bleiben aus. Ganz erfolglos ist Sadelstein – wie Sandler jüdischer Abstammung – aber nicht: Jeden Feierabend warten auf ihn eine hübsche Frau (Katie Holmes) und zwei smarte Kinder in seiner Villa. Eine Vorzeigefamilie – bis sich Jacks alleinstehende Zwillingsschwester Jill für Besuch anmeldet.

Adam Sandler schrieb sich eine Doppelrolle: Er ist gleichzeitig Jack und dessen Zwillingsschwester Jill.



Unnötig zu sagen, dass Jill eine Nervensäge ist, wie sie im Witzebuche steht: Sie lispelt, ist laut und anstrengend, nicht gerade eine Modeikone, unsensibel und selbstverständlich dick und schweißbefleckt – und seit dem Tod von Mutter Sadelstein bis auf ihren Papagei namens Pupsi alleine. Jacks Familie liebt die Tante trotzdem, und auch Jack findet nach Tagen der offen gelebten Abneigung plötzlich eine einmalige Gelegenheit, ihr seine wiedergefundene Geschwisterliebe vorzuheucheln: Al Pacino (als er selbst), den Jack unbedingt als Werbefigur für einen großen Kaffeekettenkunden haben will, verliebt sich unsterblich in Jill und ihren Sexappeal. Also nimmt Jack sie kurzerhand mit auf die Familienkreuzfahrt, spielt den Kuppler und muss feststellen, dass Jill Pacino für den schmierigen Lustmolch hält, der er ist. Die scheinbare Lösung seines Problems erkennt Jack, als er, genau, in den Spiegel guckt.

Wer hätte das gedacht? Al Pacino (rechts) ist von Jill (Adam Sandler) total hingerissen.



Mit Filmen des früher mal so bissigen Adam Sandler ist es seit Jahren ein bisschen wie mit dem Essen von Fast-Food-Ketten: Man weiß schon vorher, wie einem das Servierte schmecken wird, Ausfälle nach oben wie nach unten sind dafür seltene Ausnahmen. So gesehen ist auch “Jack und Jill”, dessen lückenhafte Handlung nur Staffage ist, für ein paar Lacher gut. Die sind aber zuerst den Cameo-Auftritten von Johnny Depp im Justin-Bieber-T-Shirt, Shaquille O’Neal als Werbegesicht für Schinken und Al Pacino als frustrierter Schauspielstar, der seine eigenen größten Rollen persifliert und mit seinem Geld nichts anzufangen weiß, zu verdanken. “Jack und Jill” soll offenbar – das suggerieren auch die Einspieler von echten Zwillingspaaren – eine seichte Komödie über Geschwisterliebe, Familie, Respekt, Rollenklischees, Anstand und Moral sein. Und eines davon ist diese Klamotte ganz bestimmt: ein sehr seichtes Vergnügen. Mit Frauenkleidern.

Text: Fabian Soethof / Fotos: 2011 Sony Pictures Releasing GmbH

Filmbewertung: akzeptabel
Starttermin: 26.01.2012
Freigabealter: 0
Verleih: Sony
Originaltitel: Jack and Jill
Laufzeit: 90 Min.