Diagnose ADHS

Frau Mertens (Inka Friedrich) ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und lebt in einem sozialen Brennpunkt Jenas. Während ihre beiden Älteren „nur“ durch kleine Gaunereien beziehungsweise Rauchen auffallen, scheinen die Probleme des zehnjährigen Sascha (Marcel Hoffmann) komplexer gelagert. Der blonde Junge kann kaum lesen, er stiehlt und scheint irgendwie auf einem anderen Planeten zu leben. Selbst in der Förderschule ist er ein Außenseiter, dessen Leistungen kaum als solche bezeichnet werden können. Die Diagnose ADHS scheint Abhilfe zu schaffen: Nach Einnahme seiner Medikamente verwandelt sich Sascha in ein pflegeleichtes Kind – und schleicht nur noch wie ein Zombie durch sein neues Leben, das Lachen ist auf der Strecke geblieben. Filmemacher Bernd Sahling schärft mit seinem gut beobachteten Porträt „Kopfüber“ den Blick für das Für und Wider des Andersseins.

Die Geräuschesammler Elli (Frieda-Anna Lehmann) und Sascha (Marcel Hoffmann) bei der Auswertung ihrer Funde.

 

Lange nimmt sich dieser Film Zeit, um Sascha bei seinem alten Leben zuzusehen. Quälend ist es in der Schule und viel zu oft traurig in den Stunden mit der gehetzten, überforderten Mutter. Schöne Dinge, ja so etwas wie kindliche Freiheit, erlebt Sascha hingegen mit seiner etwa gleichaltrigen Freundin Elli (Frieda-Anna Lehmann), einer Geräuschesammlerin. Beim gemeinsamen Erkunden verlassener Baustellen oder dem Fahrradfahren am Rande der Stadt fühlt sich Sascha pudelwohl.

Kleine Fluchten: Sascha (Marcel Hoffmann) und Elli (Frieda-Anna Lehmann) verbringen unbeschwerte Stunden am Rande der Stadt.

 

Doch die Probleme überwiegen und die Momente der Unbeschwertheit sind selten. Unterstützung und so etwas wie eine Vaterfigur findet Sascha nach anfänglicher Skepsis in dem ihm vom Amt zur Seite gestellten Erziehungsbeistand (Claudius von Stolzmann), zu dem er immer mehr Vertrauen gewinnt. Ob das Leben dieses Kindes nun in eine positive oder negative Richtung kippt, hält „Kopfüber“ über diese – recht lange – Erkundungsstrecke völlig offen.

Saschas Mutter (Inka Friedrich) sieht sich mal wieder mit dem Vorwurf eines Diebstahls konfrontiert. Sascha (Marcel Hoffmann) streitet alles ab.

 

Wenn Sascha nach etwa einer Stunde dieses realistischen Jugendfilms seine Medikamente einzunehmen beginnt, kippt das Ganze von der gut beobachteten Sozialstudie ins beklemmende Gruseldrama. Als hätte man das Leben aus Sascha herausgeschnitten, reagiert dieser nur noch auf eine ihm ausgehändigte Uhr, die ihn an die Einnahme seiner realitätsstiftenden Droge erinnern soll. Saschas Freundschaft zu Elli, die für das Träumerische und Kreative steht, ist längst eingeschlafen. Dafür scheinen Mutter, Lehrer und Ärztin umso zufriedener mit ihm. Mit der Zeit entstehen immer mehr Zweifel, ob dieser Sascha überhaupt noch Sascha ist.

Sascha (Marcel Hoffmann) kann sich in der Schule einfach nicht konzentrieren.

 

Filmemacher Bernd Sahling, der früher selbst einige Jahre als Familienhelfer im Potsdamer Jugendamt arbeitete, hat die Figuren seines Films nach realen Vorbildern erschaffen. 2004 gewann er den Bundesfilmpreis für „Die Blindgänger“ als bester Kinderfilm. „Kopfüber“ ist keineswegs ein plumpes Plädoyer gegen den Medikamenteneinsatz beim verbreiteten „Zappelphilipp“-Syndrom ADHS. Auch weil er durchaus drastisch die Probleme von Kind und Familie aufzeigt, bevor medizinische „Hilfe“ naht. Sahlings „Diagnose“ lautet: Ein Kinderleben mit ADHS ist schmerzlich, problembeladen, aber auch schön. Letztlich ist es die Umwelt, sind wir es, die über psychische Krankheit oder Gesundheit entscheiden. Ein Film zum Nachdenken darüber, was ein Kind und uns Menschen eigentlich ausmacht.

 

Text: Eric Leimann/ Fotos: Alpha Medienkontor
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Alpha Medienkontor
Laufzeit: 94 Min.