Altwerden ist nichts für Weicheier

Filme wie Andreas Dresens „Wolke 9“ bis hin zum diesjährigen Cannes-Gewinner „Liebe“ von Michael Haneke haben längst eine hochspannende Debatte über das Altsein heute eröffnet. „Altwerden ist nichts für Weicheier“, heißt es nun in Julie Gavras’ als romantische Komödie angekündigtem Film „Late Bloomers“ (2010). Die beiden in Würde gealterten Ausnahmeschauspieler Isabella Rossellini und William Hurt spielen darin die Eheleute Mary und Adam, denen auf einmal bewusst wird, dass auch sie allmählich zu den Senioren gehören.


Es gibt Szenen in „Late Bloomers“, die den Zuschauer, egal welchen Alters, dazu zwingen, einmal über die Herausforderungen des Älterwerdens nachzusinnen. Zum Beispiel, wenn eine zeitlos leuchtende Frau wie Isabella Rossellini in einer Bar ihre Bluse ein wenig öffnet und lächelnd durch den Raum schreitet, um zu erproben, ob noch einer der dort anwesenden Herren ihr Aufmerksamkeit schenkt. Als niemand reagiert, meint man den Hauch des unausweichlichen Runzligwerdens auch ein wenig auf der eigenen Haut zu spüren.

Auch der Ehemann von Rossellinis Figur Mary erlebt so einen Aha-Moment: Adam (William Hurt) erhält als einstiger Stararchitekt zu Beginn die „Royal Gold-Medaille“ für sein Lebenswerk. Eine derartige Veranstaltung für ihren Vater, Regisseur Constantin Costa-Gavras, brachte Julie Gavras übrigens auf die Idee für diesen Film. Recht geistreich wird illustriert, dass solchen Preisverleihungen stets der bittere Geschmack des vorauseilenden Nachrufs zu Lebzeiten anhaftet. Doch letztlich machen ein paar tiefsinnige Szenen mit hochkarätigen Schauspielern noch keinen stimmigen Film und ein paar witzige Sprüche noch keine Romantic Comedy.

Während Mary ein Telefon mit übergroßen Tasten und Haltegriffe an der Badewanne besorgt, flieht ihr Mann lieber in die Arbeit mit einem Team blutjunger Architekten, die ihn bewundern und mit Red Bull und Pizza versorgen. Es graut ihm davor, dem Beispiel seiner Frau Mary zu folgen und von einem Tag auf den anderen anzuerkennen, dass allmählich ihr gemeinsamer Lebensabend dämmert. Die drei erwachsenen Kinder der beiden reagieren zunehmend besorgt auf die Gräben, die sich zwischen ihren Eltern auftun. Sie treffen sich immer wieder, um eine „Elternstrategie“ auszuhecken. Die weiteren Entwicklungen sind recht vorhersehbar.


Eine Ausnahme bildet darin Marys Mutter Nora (Doreen Mantle) – die beispielsweise regelmäßig mit ihrer greisen Clique auf Schnellverfahren-Urteile wettet – denn „es ist immer ein Trost zu sehen, wie dumm die jungen Leute sind“. Von den Altersstrategien dieser fidelen Seniorenrunde hätte man gern mehr erfahren. Stattdessen findet man sich letztlich in einem recht biederen Drama mit heiteren Einsprengseln und einigen Längen wieder und ärgert sich über ein paar Handlungsfäden, die leider nirgendwohin führen.

Filmemachen ist eben auch nichts für Weicheier. Wie möchte man es? Hart (und sozialkritisch) wie das europäische Arthouse-Kino oder soft wie ein eingängiger Blockbuster mit klebrigem Popcorn-Nachgeschmack? Die Regisseurin und Mitautorin Gavras hätte sich schon entscheiden müssen.

Text: Gabriele Summen / Fotos: Movienet
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Late Bloomers
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Movienet
Laufzeit: 92 Min.