Zwei, die sich lieben

Bei manchen ist es einfach so. Sie sind Wunderkinder, Wundermenschen. Xavier Dolan dreht Filme, für die er mit 24 Jahren noch viel zu jung ist. Aber wenn es ihn nicht kümmert, sollte es auch der Rest der Welt wohlwollend zur Kenntnis nehmen und kein weiteres Aufhebens darum machen. „Laurence Anyways“, sein drittes Werk innerhalb von fünf Jahren, ist die Geschichte eines attraktiven Mannes, der sich nicht mehr wohlfühlt in seinem Körper. In ihm reift der Entschluss, dass er lieber eine Frau wäre. Und ja, es hat seinen Grund, dass dieser Film ganze 168 Minuten lang ist.

Szene mit Melvil Poupaud.
Laurence (Melvil Poupaud) ist nicht alleine. Er lebt in einer Beziehung mit Fred (Suzanne Clément), die zwar einen Männernamen trägt, aber ansonsten eine äußerst coole Frau und Partnerin ist. Dolan lässt sich Zeit, ein Bild von der Beziehung der beiden zu zeichnen. Denn ungeachtet ihrer reift in Laurence der Verdacht, dass er im falschen Körper steckt.

Diese Beobachtung passiert ganz ohne Hysterie und Krampf. Es ist, als wäre die umherflanierende Kamera fast zufällig an Laurence hängengeblieben, weil er schlicht ein interessanter Mensch ist. Manchmal schwitzt er, wenn er Frauen ansieht, manchmal führt er kleine dekorative Veränderungen an sich durch. Er selbst sagt erst mal nichts zu diesen Dingen, doch der Zuschauer weiß, worum es geht. So entsteht ein langer, oft schweigsamer Prolog, der klarmacht, dass hier ein Filmemacher ein schwieriges Thema mit größtmöglichem Ernst angeht.

Zu beunruhigend flirrender Musik gleitet der Zuschauer in die Szenerie. Es steht nicht im Widerspruch, dass die Bilder reine Poesie sind. Vielschichtige Aufnahmen bebildern die Suche nach neuen Eckpfeilern in Laurence’ Leben. „Ich bin nicht schwul“, sagt er. Dennoch stellt sich die Frage, wie alles weitergeht, wie man empfindet.

Szene mit Suzanne Clément.
Der Film umspannt ein ganzes Jahrzehnt, die 90-er, die begannen, als Xavier Dolan neun Monate alt war. Trotzdem wirkt „Laurence Anyways“ wie das Spätwerk eines erfahrenen, überdurchschnittlichen Regisseurs. Man spürt, wie gut die beiden Schauspieler geführt wurden, es gibt keine Angst vor der direkten inhaltlichen Konfrontation. Der Regisseur traut sich, dem Ganzen kammerspielartigen Charakter zu verleihen, wenn es ihm nötig erscheint. Und manchmal reicht ihm eine blaue Wand für einen Dialog.

Wie undurchdringliche Wände wirken auch die Hindernisse in diesem auf den Kopf gestellten Leben, an das sich auch Laurence erst gewöhnen muss. Doch er will diesen neuen Weg nicht alleine gehen. Er möchte anderen verständlich machen, was mit ihm los ist. Vor wie vielen Betonwänden er dabei landet, ist tragisch. Der Film ist es nicht. Denn zusammen mit seiner Hauptfigur rappelt sich das Drehbuch immer wieder auf, sucht nach neuen Ansätzen und Wegen in eine andere Normalität. Dolan erzählt diese Geschichte so ausführlich, dass sie sich eigentlich um zwei Menschen dreht. Zwei, die sich lieben.

Dolans Film, an dem er sechs Jahre lang arbeitete, ist entlarvend, peinlich und sehnsuchtsvoll. Als Regisseur denkt er an alles. Die Auswahl der Akteure ist genauso gut wie das Drehbuch stimmig. All die schlüssigen Überlegungen werden in bemerkenswert schöne Bilder gebettet und mit passender Musik ummantelt. Doch vor allem ist es intelligent, das Werk in die nicht ganz so progressiven 90er-Jahre zurückzuversetzen. Jeder, der Arthouse-Filme mag, wird wenig bemängeln. Würde man damit nicht die Erwartungen zu sehr hochschrauben und eine Enttäuschung provozieren, könnte man sagen: ein perfekter Film.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: NFP / Shayne Laverdière
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: NFP
Laufzeit: 168 Min.