Die Angst der Vorleserin

Verliebt in die Chefin. Wahrlich keine Idee, die sonderlich oft mit Erfolgsmeldungen gekrönt wird. Auch nicht im Jahre 1789, zu jener Zeit, als die französische Revolution vor den Hoftoren von Versailles lauerte. Regisseur Benoit Jacquot befasst sich in “Leb wohl, meine Königin” mit den Unruhen von Frankreich aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Nicht die laute Meute der Straße ist sein Thema, sondern die Reaktion auf das drohende Unheil im Inneren des Schlosses. Doch nicht aus der Perspektive der Monarchen, sondern aus der der jungen Vorleserin Marie Antoinettes betrachtet der Regisseur das Geschehen.

Stille Bewunderin: Die Vorleserin (Léa Seydoux) ist heimlich in ihre Königin verliebt.


Die ruhige Hand, mit der Benoit Jacquot dieses Historiendrama beginnt, wird der Situation sehr gut gerecht. Denn so wild der Pöbel vor der Tür auch tobt, die Monarchen geraten nicht in Panik, sie glauben zunächst nicht an den Ernst der Lage. Und auch als König Ludwig XVI. (Xavier Beauvois) und Marie Antoinette (Diane Kruger) klar wird, dass ihr Leben in Gefahr sein könnte, planen sie ruhig ihre Flucht. Dies geschieht jedoch erst gegen Ende des Films.

Zuvor dräut eine andere Entwicklung, die in erster Linie mit der Vorleserin der Königin zusammenhängt. Sie begreift früh, dass draußen Gefahr lauert, die Enklave bedroht ist, in der sie sich so wohl fühlt. Die junge Sidonie Laborde (Léa Seydoux) erträgt alle Launen der Königin, fühlt sich als ihre Vertraute, weiß, welche Lektüre ihrer Herrin in welcher Stimmung förderlich ist. Im Verborgenen bereitet sie der Monarchin kleine Freuden und genießt deren Nähe und Aufmerksamkeit.

Trotz der offensichtlichen Liebschaft zwischen Marie Antoinette und Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen) bleibt die loyale Vorleserin – und mit ihr der Zuschauer – auf ihre eigenen Gefühle konzentriert. Die Leiden der treuen Diener passieren im Stillen. Da platzt niemandem der Kragen. Beliebig eingestreute erotische Aufnahmen der schönen Frauen wirken hilflos und tragen nur zu einem unguten Beigeschmack des Eröffnungsfilms der Berlinale 2012 bei.

Mit viel Ruhe entwickelt die Monarchin (Diane Kruger) einen Plan,
um das Leben mancher Menschen zu retten.



Dem Drehbuch fehlt die Dramaturgie, weil der Regisseur ja nur beobachten will, mit seinen Kameras durch die Gänge und Gemächer schleicht. Auch über seine Protagonistin gibt er nichts bekannt. Niemand weiß, wer dieses Mädchen ist, woher sie kommt. Man sieht nur, dass die Vorleserin aufopfernd ihre Dienste leistet. Die schöne Léa Seydoux, im realen Leben auch als Model bekannt, wird dabei stets in Mausgrau gehüllt, während die erfolgreiche Nebenbuhlerin, offenbar eher vom Typ berechnendes Biest, in schillernden Kostümen über gedachte Laufstege stolziert. Dazwischen agiert Diane Kruger sehr zurückhaltend. Leider hat man nach einer Weile das Gefühl, dass sie auf diese Weise schlicht versucht, in der Darstellung einer der großen Frauen der Geschichte Fehler zu vermeiden.

Obwohl der Roman der Autorin Chantal Thomas ein origineller Bestseller ist, beginnt die Verfilmung nach der Hälfte uninspiriert dahinzuplätschern. Es ist schwierig, einen Bezug zu den Figuren herzustellen, zumal die Politik weit hinter dem Privaten und Emotionalen zurücksteht. Gerade zum Ende hin fällt dieser Film auseinander, als hätte man wesentliche Inhalte im Schnittraum unter den Tisch fallen lassen. So lässt sich noch nicht einmal genau sagen, ob das verliebte Mädchen auf Wunsch ihrer Königin wirklich angstfrei in offene Messer laufen würde.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Capelight Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Les adieux à la reine
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Capelight
Laufzeit: 104 Min.