Das hohe C der Nächstenliebe

„Wer bin ich?“ singt Jean Valjean (Hugh Jackman) im historischen Musical „Les Misérables“ mit verzweifeltem Tremolo. Für die zur Prostituierten herabgesunkene Arbeiterin Fantine (Anne Hathaway) ist der geheimnisvolle Großbürger zweifellos ein Gutmensch, steht er ihr doch in schlimmer Zeit bei. Vorbildlich kümmert er sich um ihre Tochter Cosette (als Kind gespielt von Isabelle Allen, als Heranwachsende von Amanda Seyfried), die ihn als Ersatzvater verehrt. Doch er hat auch noch eine andere Seite …

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Für den fanatischen Polizeiinspektor Javert (Russell Crowe) bleibt Jean Valjean immer Häftling Nr. 24601, der nach seiner Entlassung aus dem Straflager von Toulon gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat. Fast zwei Jahrzehnte jagt er ihn unerbittlich. Im politisch unruhigen Frankreich der Jahre zwischen 1815 und 1832 übt sich Jean Valjean in Nächstenliebe, nur aus edelsten Motiven entzieht er sich der Justiz. Trotzdem fürchtet er um sein Seelenheil: Ist er nicht doch nur ein Verbrecher? Allein ein Akt göttlicher Gnade könnte Klarheit schaffen.

Die Verfilmung des Musical-Welterfolgs „Les Misérables“ schöpft von Victor Hugos gleichnamigem sozialkritischen Epos gekonnt den sentimental-melodramatischen Rahm ab. Zudem wird dem Klassiker, der im Erscheinungsjahr 1862 als blasphemisch galt, christliches Pathos übergestülpt. Es ist aber hilfreich: Für die Schauspieler, den Gesang und wahrscheinlich auch im Hinblick auf die Oscarverleihung.

Denn wo so viel Bemühen um innere Läuterung erkennbar wird, fallen Fehlbesetzungen kaum ins Gewicht: Dank fleißiger Maskenbildner nimmt man Hugh Jackman 19 Jahre Straflager ganz gut ab. Aber ohne dauervertiefte Stirnfalte, Signum der Betrübnis, wäre der „Wolverine“- und „X-Men“-Star in der Rolle des Jean Valjean mimisch jedoch schlecht ausgestattet. Der moralische Konflikt reduziert sich bei ihm aufs selbstmitleidige Lamento.

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Dass er einen umgestürzten, vollbepackten Wagen hochstemmt, um einen Verletzten zu bergen, würde man eher dem bulligen Russell Crowe glauben. Der wird als Javert von Tom Hooper zwar geschickter inszeniert, hat aber eine undankbare Rolle. Vielleicht wurde Crowe deshalb trotz großer Leistung nicht für einen Oscar nominiert. Den Zuschlag der Academy erhielt neben Jackman stattdessen noch Anne Hathaway, der komödiantische Parts dennoch sichtlich besser liegen.

Und der englischsprachige Gesang, der schließlich 99 Prozent auch in der deutschen Version dominiert? Mit unaufhörlich geschwellten Resonanzkörpern nehmen die Stars die Höhenlagen von dramatischem Tenor, Bass-Bariton und Mezzo-Sopran in Angriff. Dabei haben sie den Bonus des ehrenwerten Versuchs auf ihrer Seite. So wie ihre Figuren, die nach dem Guten streben, es nur nicht immer erreichen. Worte, auch gesungene, können ohnehin gar nicht so viel sagen wie die Tränen, die in „Les Misérables“ reichlich und beim Publikum wohl noch reichlicher fließen werden.

Regisseur Tom Hooper weiß seit seinem Oscar für „The King’s Speech“ vermutlich ganz gut, dass die Darstellung von Menschen mit großem Willen und etwas schwächer ausgeprägtem Können bei der Verleihung der wichtigsten Filmtrophäe der Welt ankommt. „Les Misérables“ kann zudem dank viel christlicher Erbauung, in Hollywood gern gesehen, auf acht „Oscars“ hoffen. Und wer es nicht so religiös-moralisch mag? Der muss sich mit dem genialen, farcehaften Zwischenspiel von Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter als Gaunerpaar Thénardier, der Combat-Action von Barrikadenkämpfen oder den Ansichten eines digital rekonstruierten Paris des 19. Jahrhunderts über die Spielzeit von zweieinhalb Stunden bringen.

Text: Andreas Günther / Fotos: Universal Pictures / Laurie Sparham
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Les Misérables
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 157 Min.