Die große Lichtgestalt

Man könnte es eine Art ungeschriebenes Branchengesetz nennen: Immer wenn sich Steven Spielberg mit Geschichte auseinandersetzt, zieht das automatisch eine gewisse Zahl Oscarnominierungen nach sich. Um die fünf, wenn die Academy nicht ganz überzeugt ist („Amistad“, 1997, „München“, 2005, und „Gefährten“, 2011), und über zehn, wenn das Historienepos nachhaltig beeindruckt („Die Farbe Lila“, 1985, „Schindlers Liste“, 1993, und „Der Soldat James Ryan“, 1998). So stellte sich nie die Frage, ob Spielbergs neuestes Werk „Lincoln“, in dem unter jeder Perücke ein Hochkaräter zu stecken scheint, für den Oscar vorgeschlagen werden würde – wie oft war die wirklich interessante Unbekannte.


Zwölfmal findet sich der titelgebende Nachname des 16. Präsidenten der USA auf der Liste der Oscarnominierten von 2013 – quasi eine Nominierung für jedes Jahr, das seit Spielbergs Entschluss, einen Film über Abraham Lincoln zu drehen, ins Land strich. Zwei Drehbuchautoren, darunter „Gladiator“-Schreiber John Logan, hatte der dreifache Oscarpreisträger bereits entlassen, mehrere Skriptvarianten bereits verworfen, als er schließlich seinen „München“-Autor Tony Kushner mit einer Neufassung des Drehbuchs beauftragte.

Das Recherche-intensive Skript, für das Kushner mit einer Oscarnominierung belohnt wurde, zeigt Lincoln (Daniel Day-Lewis) nur wenige Monate, bevor er im April 1865 von einem Attentäter erschossen wird: Dreieinhalb Jahre schon tobt der blutige Bürgerkrieg zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten, der insgesamt über 600.000 Opfer fordern sollte. Überraschenderweise führt Spielberg das Publikum nur einmal, gleich zu Beginn des Films, direkt hinein in das Kriegsgeschehen, denn ein anderes Schlachtfeld interessiert Spielberg diesmal mehr: das Repräsentantenhaus.

Das streitet im Januar 1865 erbittert um den 13. Zusatzartikel, den Lincoln der amerikanischen Verfassung hinzufügen möchte – um die Sklaverei endgültig abzuschaffen. Doch zur Verabschiedung des Artikels muss Lincoln nicht nur eigensinnige republikanische Parteifreunde wie Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) hinter sich wissen: Nur, wenn auch genügend Demokraten ihre Zustimmung geben, hat das Unterfangen eine Chance. Und die Demokraten zeigen sich 1865 in etwa so kooperativ, wie dieser Tage die Republikaner in Fragen des Staatshaushalts.


Spielberg unterschlägt nicht, dass selbst eine politische Lichtgestalt wie Lincoln nicht davor zurückschreckte, Stimmen mithilfe der Zusicherung attraktiver Posten zu erkaufen. Die Szenen, in denen John Hawkes und James Spader als zwielichtige Lincoln-Unterstützer zu flotter Banjomusik „Lobbyarbeit“ betreiben, sind gar die erfrischendsten des sonst sehr bedeutungsschweren Films. Grundsätzlich jedoch untermauert der Regisseur nach Kräften den „Halbgottstatus“, den Außenminister William H. Seward (David Strathairn) dem Präsidenten schon früh im Film attestiert. Dazu wäre noch nicht einmal der Glorienschein nötig, den Spielbergs bewährter Kameramann Janusz Kaminski der Hauptfigur hin und wieder in Gegenlichtaufnahmen verleiht.

Steven Spielberg porträtiert Lincoln als bescheidenen Mann von einfacher Herkunft und enormer Intelligenz. Als einen bedächtigen Redner mit hervorragendem Gedächtnis, das ihm erlaubt, auf Fragen und Problemstellungen spontan mit Anekdoten zu antworten; Gleichnissen, in denen er seinen Standpunkt unterhaltsam und nachvollziehbar darlegt. Und er zeigt Lincoln als Vater, der sich zu seinem schlafenden jüngsten Sohn auf den Fußboden legt und seinen Ältesten (Joseph Gordon-Levitt) vom Kriegsgeschehen fernhalten will.

Selbst die wenigen Mängel, die Spielberg dieser amerikanischen Institution zugesteht, werden durch geschickte Rechtfertigungen noch zu Tugenden erklärt. Man kann also kaum anders, als eine tiefe Ehrfurcht zu empfinden vor diesem dürren Hünen, dem der nahezu perfekt ausstaffierte Daniel Day-Lewis (eine Nominierung für bestes Make-up blieb interessanterweise aus) eine Aura gelassener Allwissenheit verleiht.


Nun soll „Lincoln“ jedoch kein Biopic sein: Lediglich in einigen Nebensätzen finden sich Hinweise auf den Lebensweg des Republikaners, selbst sein tragisches Ende wird nur angedeutet. Vielmehr entwickelt sich das Historiendrama zu einem mono- und dialogreichen Abstimmungskrimi, einem Gerichtsthriller nicht unähnlich. Abraham Lincoln mag die prominenteste Figur darin sein, die Handlung selbst jedoch verteilt sich auf eine so große Vielzahl von politischen Würdenträgern, dass auch eine solide historische Vorbildung beim Versuch der Einordnung schon bald nicht mehr weiterhilft. Selbst Steven Spielberg sieht sich an einer Stelle des Films gezwungen, Charaktere mithilfe erklärender Bauchbinden einzuführen.

Ein sehr, sehr spezielles Stück amerikanischer Geschichte pickten sich Spielberg und sein Drehbuchautor da also heraus, dass schon den mit der Materie vertrauteren US-Zuschauern ausschweifend, bisweilen langatmig erklärt werden will. Für die meisten Nicht-Amerikaner bedarf es daher schon ein ausgesprochenes Interesse an amerikanischer Geschichte, um „Lincoln“ nicht nur routiniert gemacht, sondern auch wirklich fesselnd zu finden. Nicht, dass irgendeine der zwölf Oscarnominierungen ungerechtfertigt wäre. Doch es bleibt der Eindruck, dass nicht nur der Respekt vor Steven Spielbergs Werk, sondern auch vor dem Abraham Lincolns eine wichtige Rolle spielte, als die Academy den Film zum Oscar-Favoriten erhob.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2012 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Lincoln
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Fox
Laufzeit: 151 Min.