Wenn das Weltbild zerbricht

Um Schuldgefühle und schwierige Selbsterkenntnis geht es in der deutsch-australischen Koproduktion „Lore“, die ihre Weltpremiere in diesem Sommer beim Internationalen Filmfestival von Locarno hatte und dort den Publikumspreis gewann. – Schon wieder eine Nazigeschichte, denkt man auf den ersten Blick. Doch diesmal wird die Stunde Null von 1945 aus der Sicht von vier Kindern erzählt. Nach dem Zusammenbruch der Diktatur und dem Verschwinden ihrer Nazieltern bleibt ihnen nur die aufregende Flucht zur Großmutter in Norddeutschland. Die australische Regisseurin Cate Shortland („Sumersault“) erzählt diese Flucht packend und intensiv.


Lore (Saskia Rosendahl), die Titelheldin, ist 15 Jahre alt. Am Ende des Krieges, das sich allmählich abzuzeichnen beginnt, schwirren noch die alten Hitlerjugend-Lieder in den Köpfen der Kinder. Vom Grauen des Kriegs und den Millionen Toten, die er mit sich brachte, spürten sie im wohlhabenden Elternhaus nichts.

Doch allmählich bricht die Gewalt auf die Kinder herein. Erst werden sie vom uniformierten Vater (Hans-Jochen Wagner) und der frustrierten, stets kettenrauchenden Mutter (Ursina Lardi) herumgestoßen. Man will sich im Wochendhaus verstecken und weiterfliehen. Doch die Hitler-treuen Eltern werden verhaftet, die Kinder, allen voran Lore als Ersatzmutter, sollen zur Oma nach Schleswig-Holstein fliehen.

Eine apokalyptische Reise durch Deutschland beginnt, ein böses Märchen auch im dunklen deutschen Tann hat die Australierin Shortland da inszeniert. In dieser persönlichen Hölle kann der Teufel schon ein habgieriger Bauer in der Nachbarschaft sein, der den Hilflosen Nahrung verweigert.

Es sind die Unschuldigen, die leiden müssen. Ein Kleinkind, ein Baby, schleppen sie auch noch mit. Das muss Mitleid beim letzten Schuft erzeugen, der die Unschuld mitten im Volk der Schuldigen noch immer so gar nicht wahrhaben will.


Man muss den Film von seiner letzten Szene her lesen, als die geschlagenen Nazikinder endlich bei der Großmutter im Norden angekommen sind. Am Esstisch herrschen noch immer die alten gestrengen Sitten: Angefasstes Essen legt man nicht zurück. Doch Lore bricht die Regel, begehrt im Kleinen auf. Es ist die störrische Verweigerung, die Zivilcourage, die zu Zeiten der Nazis fehlte, die man den Kindern nie anerzogen hat. Ein wenig grüßt da Michael Hanekes „Das weiße Band“, der sich im Untertitel bekanntlich „Eine deutsche Kindergeschichte“ nennt.

Keine Frage, „Lore“ – übrigens Australiens Kandidat für den Auslandsoscar – ist mit seinen jungen Darstellern von Cate Shortland wunderbar einfühlsam inszeniert. Die Regisseurin sucht und findet mit einer stets aus der Nähe insistierenden Kamera (Adam Arkapaw) die Seele der Kinder. Leider kann der Film seine Roman-Herkunft („The Dark Room“ von Rachel Seiffert) nicht verleugnen – die Begegnung mit einem jüdischen KZ-Häftling (Kai Malina), der sich zunächst solidarisch zeigt und Hilfe bietet, verselbstständigt sich und wirkt dann doch sehr symbolisch und aufgesetzt.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Piffl / Adam Arkapaw
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Piffl
Laufzeit: 100 Min.