Von James Bond verführt

Über den idyllischen Zitronenhain hat sich sanft die Abenddämmerung gesenkt. So allmählich dürften sich die Hände von Philip (Pierce Brosnan) und Ida (Trine Dyrholm) auf ihrem Spaziergang einmal berühren. Doch plötzlich bemerkt der Obstzüchter an einem seiner Bäume die schädliche Aktivität der Wollschildlaus. Die Weibchen seien eine richtige Pest, sagt Philip, ganz im Gegensatz zu den rasch absterbenden Männchen. Törnt Ida das ab? Ganz im Gegenteil. Gierig saugt sie Philips Worte ein und strahlt übers ganze Gesicht.


Romantische Stimmung, ein Gespräch über Läuse und viel Unausgesprochenes: Dänemarks Ausnahme-Regisseurin Susanne Bier reibt das scheinbar Unvereinbare aneinander und gewinnt daraus geschickt Funken schrägen Humors. „Love is all you need“ setzt mit einem grotesken, fast makaberen Grundton ein. „Mein Mann hat gar nicht gemerkt, dass eine Brust fehlt“, erklärt die vom Mammakarzinom offenkundig genesene Ida ihrer Ärztin, „er ist mehr für innere Werte“. Tatsächlich betrügt sie ihr Leif (Kim Bodnia) mit seiner jungen Kollegin Tilde (Christiane Schaumburg-Müller). Als Ida dies entdeckt, ist sie am Boden zerstört.

Doch die Hochzeitsfeier ihrer Tochter Astrid (Molly Blixt Egelind) in Italien lässt sie in eine andere Gefühlswelt eintauchen. Das liegt nicht nur am sonnigen Sorrent mit seiner wilden Meeresküste. Bereits auf dem Flughafen in Kopenhagen trifft Ida erstmals mit Philip zusammen, dem Vater des Bräutigams. Zwar kehrt ihr der steife und scheinbar kaltherzige englische Geschäftsmann zu Beginn nur seine raue Schale zu. Aber der weiche Kern dahinter ist schon spürbar. Bald werden die beiden einander anvertrauen, mit welchen Schicksalsschlägen sie fertig werden müssen.

Ex-James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan als Philip ist zweifellos das absolute Schwergewicht der Produktion. Von soviel Star-Power wirkt Susanne Bier zunächst selbst so verführt, dass sie Brosnan zeitweise nur ausstellt. So gegensätzlich wie die Friseurin mit blonder Perücke und der leicht ergraute Multimillionär sind die zusammengeführten Filmwelten. Bier und ihre Hauptdarstellerin Dryholm kommen aus der dänischen Dogma-Schule mit ihren kleinen, provozierenden Geschichten in grobkörnigen Bildern. Brosnan hingegen steht für Luxus, Action und Supermännlichkeit des Unterhaltungskinos. Wie eingeschüchtert von dieser Kluft inszeniert Oscarpreisträgerin Bier („Eine bessere Welt“) die Annäherung zwischen Ida und Philip anfangs recht schablonenhaft.


Sicheres Terrain erreicht die romantische Komödie erst mit frechen Szenen. Einschließlich Leif und Tilde bieten die Hochzeitsgäste in Philips Villa auf der Zitronenplantage eine zwerchfellerschütternde Posse der Peinlichkeiten. Sie reden sich um Kopf und Kragen, saufen sich unter den Tisch und gehen sich an die Gurgel, flirten irrwitzig und kotzen einander auf die Schuhe. Immer mit dem genau richtigen Dialogsatz für die Figuren fängt das Drehbuch von Anders Thomas Jensen den Zusammenprall von arroganten Großbürgern und enthemmten Vorstadt-Spießern ein. Von diesem vulgären Treiben hebt sich Philip bald als Gentleman-Charmeur ab, der wie der verständnisvolle Prinz in einem modernen Märchen anrührend Idas Herz zu gewinnen sucht. Wie schon in „Remington Steele“ über 007 bis zum „Schneider von Panama“ gewinnt Brosnan in seiner Rolle dadurch Halt, dass er ein Geheimnis hüten darf – diesmal ein tragisches.

Richtig fesselnd macht „Love is all you need“ aber die Ungewissheit über Idas Zukunft und die ihrer Tochter: Welche sexuelle Orientierung hat eigentlich der Bräutigam Patrick (Sebastian Jessen)? Ist Ida krank oder gesund? Kann sie sich gegen Philips eifersüchtige Schwägerin Benedikte (Paprika Steen) durchsetzen? Und was ist mit Leif? So brüllend komisch, aber auch so bewegend und bittersüß wie von der sensibel gespielten Ida wurde das Glück im Kino schon lange nicht mehr erobert.

Text: Andreas Günther / Fotos: 2012 Prokino Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Den skaldede frisør
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Prokino
Laufzeit: 116 Min.