Noch eine Extrarunde mit dem Schwan

Bayern lebt gut mit dem zum Mythos verklärten „Märchenkönig“, der nicht nur für eine Devotionalienindustrie und viel Nostalgie, sondern auch für die Filmindustrie gut ist. Weil die Einnahmen aus den vom Freistaat einkassierten Besucher-Eintritten in den weltberühmten Königsschlössern so hoch sind (und weil Luchino Visconti bei seinen Dreharbeiten angeblich Kratzer im Neuschwanstein-Parkett hinterließ), verlangte es dem Regie-Team Peter Sehr und Marie Noëlle große Anstrengung ab, das Mammut-Projekt „Ludwig II.“ an Originalschauplätzen drehen zu dürfen. Fast wichtiger war es aber, ein A-Klasse-Ensemble (darunter Edgar Selge, Tom Schilling, Hannah Herzsprung und Uwe Ochsenknecht) zusammenzustellen. Und mit der Entdeckung des Theaterschauspielers Sabin Tambrea dürfte sich für den 28-Jährigen eine steile Karriere eröffnen.


Es sind einzelne Szenen, die kostbarer sind als der gesamte Ausstattungsprunk des Kostümfilms: Etwa die, in der sich der schlacksige, sichtlich zutiefst verunsicherte junge König, eben erst mit dem Hermelin-besetzten Mantel ausstaffiert, fast panisch in ein Hinterzimmer der Residenz flüchtet und sich dem gefälligen Beifallklatschen seines Hofstaats ebenso entzieht wie dem Jubel der Volksmassen draußen. Ludwig verbarrikadiert sich in einem kleinen Spiegelkabinett, sinkt zusammen, leidet erkennbar – und sucht etwas Halt und Trost im narzisstischen Anhimmeln des eigenen Spiegelbilds. Dass wir es mit einem jungen Menschen zu tun haben, der unter der hölzernen Theater-Bürde seines Amts ächzt und fast zusammenbricht, ist offensichtlich. Viele Worte benötigt es dafür diesmal nicht. Und dank der intensiven Spielkunst des „Berliner Ensemble“-Schauspielers Sabin Tambrea wirkt die Szene nicht peinlich, sondern bewegend.

Leider reiht der überbordende Film mit erheblich größerem Aufwand und höheren Kosten auch weitaus plattere Szenen aneinander. Natürlich dürfen die Postkarteneinstellungen von den romantischen Berg-Spaziergängen des Spähren-Schwärmers, das Kamera-Schweifen über die Fassaden und prachtvollen Innenräume der Königsschlösser und prunkvolle Ausfahrten mit der goldenen Königskutsche, die das Produzenten-Team extra in Indien detailverliebt nachbauen ließ, nicht fehlen. Wagner-Klänge und Anverwandtes des Film-Komponisten Bruno Coulais wabern dabei durchs Kino. Wirklich näher kommt man Ludwig in diesen Szenen nicht.


Doch tatsächlich war dies wenigstens der Anspruch: Das Regiegespann Peter Sehr und Marie Noëlle, die gemeinsam schon an aufwendig recherchierten Stoffen wie ihrem „Kaspar Hauser“-Film aus dem Jahr 1993 gearbeitet hatten, verbrachten nach eigenem Bekunden mehrere Jahre mit ausgiebigem Ludwig-II.-Faktenstudium, frästen sich durch die neuere Sekundärliteratur und bekamen angeblich auch Einblick in spannende Fundstücke aus dem Archiv der Wittelsbacher. Ihre Intension war es, dem „Märchenkönig“, der in den Vorgängerfilmen von Helmut Käutner, Hans-Jürgen Syberberg und natürlich Luchino Visconti ihrer Meinung nach einseitig als idealistischer Fantast abgetan wurde, posthum zu rehabilitieren.

Viel Zeit verwendet der Film darauf, die Bruchstellen im Entwicklungsweg des jungen Ludwig freizulegen – seine Sehnsüchte verständlich zu machen und ihn als einen liebenswerten Visionär zu würdigen, der pazifistischen Idealen anhing und sein Leben zum Kunstwerk stilisieren wollte. Die Enttäuschung dieses Projekts, das im Kern wie das Scheitern des Projekts Erwachsenwerden wirkt, muss aber natürlich folgen. Bei Ludwigs unglücklichen Verstrickungen in die Hofintrigen geht der Film dann weitaus zügiger vor, bis etwas unvermittelt sogar mit Sebastian Schipper ein zweiter Königsdarsteller für die XL-Phase auf dem Leidensweg des Kini eingeführt wird. Und der muss am Schluss natürlich noch ins Wasser – so viel schreibt die Geschichte vor.

Herauskommt ein opulenter Augenschmaus, der seelenvoll sein möchte, es aber nicht über die volle Filmstrecke ist. Der Rest wirkt dann oft nur pompös wichtigtuerisch.

Text: Rupert Sommer / Fotos: Bavaria Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Warner
Laufzeit: 142 Min.