Vom Heranwachsen auf dem Land

Ein leicht dicklicher Junge übt das Knallen mit der Peitsche. Hinter seinem Dorf türmt sich ein Gebirge, ein Gebirge aus Kohle, wie man schließen darf. Dann wieder Stille – ein blauer Luftballon und ein blaues Klavier, ein Wolkenhimmel wie von Michelangelo gemalt. Eine Katze durchstreift das Dorf in der Senke, ein kurzer Augenblick. Doch meist nimmt sich Mario Schneiders Dokumentation „MansFeld“ ganz viel Zeit – für die Landschaft, das im Harzvorland gelegene Dorf und seine Bewohner, die hier ihr gewöhnliches Leben leben, als wäre die Kamera gar nicht dabei. Die Kinder stehen im Mittelpunkt – sie sind die Protagonisten, ohne irgendwie eitel oder gar geschwätzig zu sein. „MansFeld“ ist ein melancholisch bescheidener Film über Heimat, Kindheit und darüber, wie beides verloren geht.

Szene aus Mansfield.
Paul, der Dicke, isst gerne Schnitzel mit Kartoffelsalat und trinkt Cola dazu. Sein Zeugnis geht so. Er will einmal „Fleischer werden“, wird er später sagen. Das passt – auch zu den vielen Fleischgerichten, die es daheim bei ihm gibt. Die Lehrerin in ihrem reinen Sächsisch ist mit Paul zufrieden. Sie fördert ihn in der Schule, weshalb er auch lauter Dreier hat – nur im Sport ist er schlecht, da reicht es gerade mal zu einer Vier.

Paul wird sich – schon rein staturmäßig – später immer mehr in den Vordergrund schieben, egal ob er nun sehr ernst beim Schlachten zusieht oder ob er sehr souverän mit der Traditionspeitsche knallt. Tom hingegen ist der Träumer schlechthin und auch ziemlich gescheit. Er liest der Mutter gerne was aus der Zeitung vor – über die Silvesternacht auf den Champs Elysées in Paris oder auch Horoskope. Im Bett schläft er gern auf der hellen, von der Wand abgewandten Seite. Er hat ganz ohne Zweifel ein Kamera-Engelsgesicht. Sebastian, eher unauffällig, ist beliebt bei den Mädchen in seiner Klasse, er balgt sich gerne sehr ausführlich mit seinem jüngeren Bruder herum.

Mario Schneider und sein Ko-Kameramann konnten den Alltag dreier Familien in der Mansfelder Umgebung filmen. Alles aus nächster Nähe, aber ohne je voyeuristisch oder gar spekulativ zu sein. Sie filmten wirklich das gewöhnliche Leben: die Schulzwänge und die freie Zeit, das zähe Manöver der Hausaufgaben und die Schlitten- und Snowboardfahrt, wenn der erste Schnee gefallen ist.

Szene aus Mansfield
Eine Momentaufnahme, quer durch die Jahreszeiten. Hinter dem Dorf die schwarze Kohlewand und der Landregen, der die Landschaft durchzieht. Der Schnee, der die Landschaft tatsächlich zudeckt wie ein Leichentuch. Dazu die Musik von Bach, Vivaldi und Holst („Die Planeten“), die sich mit den Bildern zu einem geglückten Ganzen vereint.

Zu viel wird dann allerdings dem alten Pfingstbrauch aufgelastet, bei dem die geschmückten Dorfkinder mit ihren riesigen Peitschen knallen, während sich Erwachsene mit Schlamm besudeln und mit ihren Kübelwägen Dreckfontänen sprudeln lassen – nun ja. Brauchtum, das ins Anarchische geht, ist bekanntlich immer gefährlich – man muss da die braune Brühe gar nicht symbolisch nehmen. Den Kindern würde man aber gerne wieder begegnen. Was wird aus ihnen werden? – Es muss ja nicht gleich eine Langzeitbeobachtung vom Schlage der Altvorderen Volker Koepp oder gar Winfried Junge sein. Mal wieder vorbeischauen in fünf, sechs Jahren, ist sicher auch nicht schlecht.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: 42 Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 6
Verleih: 42 Film
Laufzeit: 101 Min.