Faszination eines Erzählers

Das Bild ist fast schon Klischee: unten die Kirche, die Enge des Südtiroler Tals. Oben die Freiheit, fast schon die „Ansätze eines anarchischen Lebens“. Reinhold Messner suchte, lange mit seinem jüngeren Bruder Günther, die Freiheit. Er wollte sehen, was hinter den Horizonten ist. Der Film „Messner“, eine Collage aus Dokumentar- und Spielszenen, aus Interviews und atemberaubenden Bergaufnahmen, zeigt die Gefühlswelten Messners aus der Nähe. Er selbst, der so glänzende Erzähler, aber auch mehrere seiner Brüder und Bergsteiger-Kollegen kommen in teils faszinierenden Statements zu Wort.


Der Rebell wurde im engen südtiroler Tal, in Villnöß, geboren. Die Strenge des Vaters forderte den Widerstand, die Rebellion heraus. Aber der Vater war es auch, der ihm auf einer ersten Tour die Faszination der Berge erschloss. Sie ließ Messner später nie mehr los.

Und danach: Lieber die Schule geschwänzt, das Abitur erstmal nicht bestanden und eine neue Welt jenseits der Enge kennengelernt. „Ich brauche Ihre Schule nicht!“ sagte der Rebell zum Direktor, der ihn einbestellte.

Schon früh kommt Günther, einer der jüngeren Brüder, ins Spiel. Eine unzertrennliche Seilschaft bildeten die beiden. Wobei Reinhold dann doch alleine über erste Grenzen ging: Die Droites-Nordwand im Montblanc-Massiv bestieg er 1969 alleine an einem Tag. Das von der Zunft für unmöglich gehaltene wurde wahr. Ein Sündenfall, der Rekord eines sportiven Ehrgeizlings. Die Bilder, hier auch die des Reenactments, verdeutlichen sehr schön, dass es nicht einfach um Rekorde, sondern um ein neues, freieres Bergsteigen jenseits des althergebrachten Hurrapatriotismus’ und strenger Hierarchien ging. Die kulturelle Revolte erfasste in Gestalt Reinhold Messners die Bergsteigerei.


Man ist dann schon bei den ewig wiederkehrenden berühmten Namen, die den Fan im Zuschauer verlangen. Droites-Nordwand, Rupalwand, Manaslu, Everest. Alleingang, Erstbesteigung. Alle Achttausender ohne Sauerstoff. Man weiß es inzwischen ja: Bergsteiger erfinden sich und ihre Rekorde fast täglich neu.

Im Film kommen zum Glück auch skeptische Zeitzeugen zu Wort: Uschi Messner, die frühere Ehefrau und Ärztin, mochte dem Ritt über dem Abgrund nicht weiter folgen. Zuletzt, als es die letzten Achttausender zu bezwingen galt, sei es doch auch ein bloßes Abhaken, eine sinnentleerte Zielsetzung gewesen, gibt Messners früherer Wegbegleiter Hans Kammerlander zu. Sie erinnern sich an Todesängste. Die Furcht, dem Wahnsinn nahe sein.

Dem Unglück am Nanga Parbat, das später einen Medien- und Meinungskrieg nach sich zog, wird zwei Jahre nach Vilsmaiers Spielfilm „Nanga Parbat“ noch einmal viel Platz eingeräumt: Unter bis heute ungeklärten Umständen kam Günther Messner 1970 beim Abstieg vom „Deutschen Schicksalsberg“ ums Leben. An der Last dieses Todes trägt sein Bruder immer noch schwer, doch in der Abwehr der Vorwürfe schlägt er harte Töne an, gibt sich angstfrei und unbeschädigt.

Erst spät im Film kommt die Überlegung, dass unbestiegene Berge eine größere Anziehungskraft als die erklommenen hätten. Im Trubel der neuen Bergindustrie ist das sicher eine Überlegung wert. Bleibt, alles in allem, vor allem die Faszination eines Erzählers, der gewissermaßen sein eigenes Märchen schrieb.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Movienet
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Movienet
Laufzeit: 108 Min.