Vom Ende der Unschuld

Seit 2006 wütet im Norden Mexikos ein brutaler Drogenkrieg, dem mindestens 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Unzählige Unschuldige sind darunter. Wer zwischen die Fronten der rivalisierenden Drogenbanden und Polizei gerät, wird nicht verschont. Schließlich geht es um viel Geld, um Billionen Dollar, die mit dem Drogenhandel verdient werden. Von diesem Milieu erzählt der grandiose, verstörende Film von Gerardo Naranjo, der in diesem Jahr Mexikos Oscar-Kandidat in der Kategorie „nicht englischsprachiger Film“ war.


Die 23-jährige Laura (Stephanie Sigman) hat einen Traum: Sie will Schönheitskönigin werden, ihrem armseligen Dasein am Rande Tijuanas ein bisschen Glanz verleihen. Es ist der ganz normale Traum von einem besseren Leben, den viele Menschen in ihrem Land haben.

Auch ihre Freundin Suzu (Lakshmi Picazo) träumt ihn. Es könnte sogar klappen, immerhin kommen die beiden in die engere Wahl zur „Miss Baja California“. Doch am selben Abend wird Laura in einer Disco Zeugin einer brutalen Schießerei zwischen Polizei und Drogenmafia; nur durch Glück überlebt sie. Dass sie später auf ihrer verzweifelten Suche nach der Freundin an korrupte Polizisten gerät, wird dem Mädchen zum Verhängnis.

Der Drogenboss Lino (Noe Hernandez) hat ein Auge auf sie geworfen und benutzt Laura fortan für seine Zwecke. Im Gegenzug will er ihr den Traum von der Schönheitskönigin ermöglichen. Es ist ein Deal mit dem Teufel. Laura wird dafür teuer bezahlen müssen, ob sie will oder nicht.

Regisseur Naranjo inszeniert diese beklemmende Geschichte aus dem gegenwärtigen Mexiko als realistischen Action-Krimi, in dem Laura immer wieder aufs Neue zwischen die Fronten gerät. Dabei hofft man als Zuschauer bis zuletzt, dass dieses unschuldige Mädchen dem Ganzen doch noch entkommen könnte, dass es Hoffnung gibt, Rettung trotz allem. Aber es ist Naranjos Sache nicht, etwas zu beschönigen, das in der Realität an der Tagesordnung ist. Tatsächlich lieferte die Meldung aus dem Jahr 2008, dass Mexikos damalige Schönheitskönigin Laura Zuniga als Drogen- und Waffenhändlerin agierte, die Idee zu seinem Film.


Stephanie Sigman, deren Karriere als Model begann, spielt ihre erste große Rolle mit großer Natürlichkeit und Authentizität. Geradezu stoisch erträgt ihre Figur der Laura, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, all die Demütigungen und die Gewalt, die plötzlich über sie hereinbrechen. Die nüchterne, dokumentarisch anmutende Kamera ist ebenso schonungslos wie das grauenhafte Geschehen, dessen Zeuge der Betrachter wird. Willkommen im Mexiko des 21. Jahrhunderts, das einem eindeutigen, erbarmungslosen Credo gehorcht: Geld oder eben Kugel, spanisch „bala“.

Text: Heidi Reutter / Fotos: 2012 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Miss Bala
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: Fox
Laufzeit: 113 Min.