Ni hao tristesse

Die Lorbeeren hat „Miss Kicki“ schon im Gepäck: „Weil er beispielhaft zeigen kann, wie eine Schauspielerin einen Film prägt“, sprach die Jury des 58. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg dem schwedischen Film 2009 den Rainer-Werner-Fassbinder-Preis zu. Es wäre müßig zu spekulieren, wie sich das Drama wohl entfaltet hätte, wenn statt Pernilla August („Fanny und Alexander“) eine andere die titelgebende Trinkerin spielen würde. Doch dass ihre Zusage für Debütregisseur Hakon Liu ein Glücksfall war, steht völlig außer Frage.

Kicki (Pernilla August) ertränkt ihren Kummer: Ihr Urlaub läuft nicht wie erhofft.


Für den „Guldbagge“ wurde Pernilla August 2011 in dieser Rolle nominiert, den wichtigsten Filmpreis Schwedens. Dabei trat sie unter anderem gegen Noomi Rapace an, die für die Hauptrolle in Augusts eigenem Kinoregiedebüt „Bessere Zeiten“ vorgeschlagen war. Dass am Ende Nachwuchstalent Alicia Vikander die begehrte Trophäe nach Hause nahm, soll Augusts darstellerische Leistung nicht schmälern.

Ein Hauch von Traurigkeit umgibt ihre Kicki stets, egal, wie quirlig, unkompliziert und selbstbewusst sie sich auch ihren Mitmenschen präsentiert. Besonders lang muss sie ihre Unbeschwertheit sowieso nicht demonstrieren: Nicht einmal ihr Teenager-Sohn Viktor (Ludwig Palmell), der bei seiner Oma (Britta Andersson) lebt, sieht sie oft genug, um mehr als ein oberflächliches Verhältnis zu ihr aufbauen zu können. Umso mehr überrascht es Viktor, als Kicki ihn bittet, mit ihr in den Urlaub zu fahren – nach Taipeh. Dass sie dort eigentlich ihren Skype-Flirt Mr. Chang (Eric Tsang) ausfindig machen will, verschweigt sie dem sensiblen Jungen.

Generell werden in dem Drama nicht viele Worte verloren – so unbeholfen, wie Mutter und Sohn im Umgang miteinander sind, bleiben manche Dinge besser ungesagt und manche Fragen lieber ungestellt. Darum nickt Viktor auch verwundert Kickis Vorschlag ab, dass in ihrem Kennenlern-Urlaub doch „jeder sein eigenes Ding machen könnte“. Während sie mutlos ihre Kreise um Mr. Chang zieht, entdeckt Viktor Taipeh – und den gleichaltrigen Taiwanesen Didi (He Huang). Erst der neue Freund kann dem stillen Schweden nach und nach die vom Zuschauer lang ersehnten Hintergrundinformationen zu der schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung entlocken. Die erreicht einen neuen Tiefpunkt, als Viktor den eigentlichen Auslöser für Kickis Reiselust kennenlernt.

Viktor (Ludwig Palmell, rechts) freundet sich derweil mit Didi (He Huang) an.


Drehbuchautor Alex Haridi griff bei der Entwicklung der Handlung nicht gerade tief in die Trickkiste: Die Lösung, die er nach einigen vorhersagbaren Wendungen anbietet, wirkt in etwa so elegant wie Kickis Auftreten nach ein paar Gläsern Wein. Deutlich interessanter ist, wie Regisseur Liu währenddessen seine Figuren durch gut gewählte Einstellungen und geschickte Schnitte besser charakterisiert, als es manch anderer mit seitenlangen Monologen aus dem Off geschafft hätte. Weshalb dem Debütanten mindestens genau so viel Anerkennung gebührt wie seiner hochgelobten Hauptdarstellerin.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Barnsteiner Film
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Miss Kicki
Genre: Drama
Verleih: Barnsteiner
Laufzeit: 88 Min.