Alte Narren und verwirrte Herzen

„Mr. Morgan’s Last Love“ entwickelt sich für den älteren Herrn dieses Namens (Michael Caine) anders als geplant. Gentlemanlike, aber nicht ohne Hintergedanken lädt der amerikanische Witwer und ehemalige Philosophie-Professor die verehrte junge, blonde Tanzlehrerin Pauline (Clémence Poésy, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“) in ein elegantes Restaurant auf dem Lande mit Hotelbetrieb ein. Doch er wird dort die Nacht allein verbringen, als sein Wagen nicht anspringt: Pauline lässt sich von einem jungen Mann zurück nach Paris mitnehmen. „Ich alter Narr“, sagt Matthew Morgan verzweifelt und will sogar sterben.

Szene mit Clémence Poésy.
Verliebt zu sein, aber nur als Freund wahrgenommen zu werden, passiert freilich nicht nur alten Männern. Potenziell geht „Mr. Morgan’s Last Love“ jede(n) an, fragt das Mehr-Generationen-Melodram doch danach, welche Rolle wir eigentlich im Leben der anderen spielen – und wie ehrlich und zufrieden wir dabei sind. Immerhin darf Matthew nach seinem Selbstmordversuch im Brustton der Empörung den Vorwurf seiner aus den USA angereisten Kinder Miles (Justin Kirk) und Karen (Gillian Anderson) zurückweisen, Pauline sei seine Geliebte.

Warum sie sich um fremde Leute so gern kümmere, will Miles misstrauisch wissen – er wittert schon die Erbschleicherei. „Weil ich darin gut bin“, gibt Pauline zurück, die Clémence Poésy ganz wunderbar hingebungsvoll und selbstbewusst anlegt. Miles wird unsicher, Pauline erscheint demgegenüber allzu schlagfertig. Weiß die junge Französin wirklich so genau, was sie tut und will? Ob der vereinsamte Matthew, der seine verstorbene Frau (Jane Alexander) im Geiste bei sich sieht, der etwas zu westernhaft gespielte Miles, der privat einen Neuanfang sucht, oder Pauline, der eine feste Bindung fehlt: „Mr. Morgan’s Last Love“ umkreist Menschen, die mit verwirrten Herzen den richtigen Platz und die richtige Aufgabe für sich suchen – anrührend, wendungsreich und mit literarischem Flair.

Szene mit Michael Caine.
Oscarpreisträger Michael Caine, der seinen Part brillant mit Trotz, Verletzlichkeit und Nachdruck in einem scheinbar gebrechlichen Körper gibt, preist Sandra Nettelbeck („Bella Martha“) zu recht als ebenso große Autorin wie Regisseurin. Ihr Drehbuch reichert Françoise Dorners Vorlage „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“ mit den emotionalen und kulturellen Spannungszuständen dessen an, was die Amerikaner den „Jamesian Touch“ nennen, weil es um die typischen Motive ihres klassischen Romanciers Henry James geht: sprachunmächtige Amerikaner in Paris, die Macht der Toten über die Lebenden – und zudem eine seltsame Opferbereitschaft für das Glück der anderen.

Denn wenn „Mr. Morgan’s Last Love“ überraschend und doch folgerichtig zugleich eine enorme romantische Volte schlägt, fängt man um Pauline zu bangen an: Hat sie wirklich ihr wahres Glück gefunden oder versagt sie es sich um Matthews Willen? Diese Frage wird nach diesem Bravourstück des psychologischen Films noch lange nachklingen.

Text: Andreas Günther / Fotos: Senator
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Senator
Laufzeit: 116 Min.