Ein langer Abschied

Die Erinnerung ist noch frisch: Kein halbes Jahr ist es her, dass die Nachricht von Susanne Lothars Tod die deutsche Filmszene erschütterte. „Nemesis“ wird nicht der letzte Film sein, in dem die mehrfach ausgezeichnete Charakterdarstellerin posthum mit ihrer Präsenz gefangen nimmt: Hannah Dooses Drama „Staub auf unseren Herzen“ soll im Januar 2013 in die Kinos kommen, und auch in Joe Wrights Tolstoi-Verfilmung „Anna Karenina“, die am 6. Dezember anläuft, übernahm Susanne Lothar eine Rolle. Doch das Wiedersehen in „Nemesis“ dürfte wohl dennoch das bedrückendste werden. Nicht nur, weil der Film ein Paar zeigt, dessen Beziehung von Misstrauen zerfressen, von einem Verdacht zerstört wurde. Sondern weil es ihr vor fünf Jahren verstorbener Ehemann Ulrich Mühe ist, der Susanne Lothar in dem Drama die Stirn bietet.


Bereits 2006 entstand der Film der Langfilm-Debütantin Nicole Mosleh, die den beiden hochkarätigen Schauspielern kaum mehr anbieten konnte als ein gut durchdachtes Drehbuch. Lothar und Mühe sagten zu. Binnen zwei Wochen Drehzeit war das kammerspielartige Drama im Kasten. Doch die Fertigstellung des Films sollte der Hauptdarsteller nicht mehr erleben. Nach Mühes Tod im Juli 2007 sperrte sich Susanne Lothar lang gegen eine Veröffentlichung des Films. Womöglich, weil sie unangebrachte Rückschlüsse von der Leinwand-Beziehung auf die tatsächliche Ehe des Paares fürchtete?

Die Beziehung ihrer Filmfiguren Robert (Mühe) und Claire (Lothar) ist bereits zu Beginn von „Nemesis“ Geschichte: Das Paar ist im Begriff, das gemeinsame Haus in Italien auszuräumen. Der ungeklärte Mord an Claires Schwester Nina (Janina Sachau), der in jenem Haus begangen wurde, war mehr, als ihre Liebe aushalten konnte. Claires Blick wird leer, wenn sie von der Toten spricht – sie hat den Verlust noch immer nicht verkraftet.

Immer wieder unterbrechen kurze Rückblenden die gegenwärtige Handlung. Diese Szenen, denen beinah jegliche Farbe fehlt, enthüllen nach und nach, wie Claire langsam ihren furchtbaren Verdacht entwickelte: dass Robert ihre Schwester erschlug. Tatsächlich benimmt sich Robert in dieser Aneinanderreihung von vergangenen und gegenwärtigen Ereignissen zunehmend merkwürdiger – in den Augen der Zuschauer sogar noch mehr als in denen von Claire. Er weicht Fragen aus, unternimmt seltsame Touren und scheint insgesamt ein deutliches größeres Interesse am Mordfall Nina zu haben, als er einräumen will. Zwar deutet sich die Lösung des Rätsels eher an, als es Nicole Mosleh wohl lieb wäre – doch die Anspannung im dicht inszenierten Film wächst proportional zu Claires Verdacht.


Blitzschnell kann in den einzelnen Szenen die Stimmung kippen: Leidenschaftliche Küsse münden in einen bitteren Streit, in freundlichen Unterhaltungen fliegen plötzlich verbale Giftpfeile. Vorwürfe haben beide Hauptfiguren immer schnell zur Hand. Ulrich Mühe schaltet in Augenblicken von gelangweilt auf alarmiert und von zart auf hart um, Susanne Lothar changiert ohne scheinbare Anstrengung zwischen Verletzlichkeit, Angriffslust und Verwirrung. Nein, es kann nicht an der Qualität des Spiels gelegen haben, dass Lothar die Veröffentlichung des Films zunächst verhindern wollte.

2010 konnten Nicole Mosleh und Susanne Lothar schließlich eine Einigung erzielen. Der Film feierte auf den Hofer Filmtagen seine Premiere, lief 2011 wenige Tage in Berlin – in Anwesenheit der Hauptdarstellerin. Selbst für eine Interviewtour zum bundesweiten Kinostart soll sich Lothar bereit erklärt haben. Man hätte gern ihre heutige Sicht auf den Film kennengelernt.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Limagofilm
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Verleih: Limagofilm