Junge, Junge!

Er wollte diesen Niko unbedingt spielen. In einem fünfseitigen Brief bekniete Tom Schilling seinen guten Freund Jan Ole Gerster um die Hauptrolle in dessen Spielfilm-Debüt. „Oh Boy“ heißt Gersters hinreißender Erstling und ist der episodenartige Blick ins Innerste einer zutiefst verlorenen Figur. Ein diffuses Unwohlsein lähmt Niko, erstickt jede Leichtigkeit. Das Lebensgefühl einer ganzen Generation – so könnte man meinen. Doch für Gerster ist sein Film kein Generationenporträt: „Jeder kann an den Punkt kommen, an dem er sich verlaufen hat und rechts ranfahren muss. Dieses Gefühl von Verlorenheit kann einem immer und überall begegnen.“ Die Frage, ob darin nun mehr Komik oder Tragik liegt, muss der Zuschauer erfreulicherweise selbst beantworten.


Einen Kaffee zum Mitnehmen. Keine Sojamilch, keine Spezialröstung, kein Firlefanz – einfach nur Kaffee. Ganz Berlin scheint Niko (Tom Schilling, „Mein Kampf“) das ersehnte Heißgetränk zu verweigern. Ebenso verweigert sich der Endzwanziger dem Leben. Zwei Jahre lang lässt sich der zerbrechlich und zugleich mürrisch wirkende junge Mann nun schon durch die Hauptstadt treiben, spielt mit seinem Kumpel Matze (Marc Hosemann) Filmzitate-Raten oder starrt aus dem Fenster. In die „Generation Praktikum“ will sich Niko nicht einreihen. Nur: Wie die Alternative aussehen soll, davon hat er auch keinen Schimmer. Wenig verwunderlich also, dass der Golf spielende Vater (Ulrich Noethen) seinem Spross den Geldhahn zudreht und rät: „Schneid dir die Haare, kauf dir ordentliche Schuhe und such dir nen Job!“

Ein überzeugter Tagedieb ist Niko aber keinesfalls. Sein stets zerknirschter Gesichtsausdruck und die verhaltenen Gesten – eine Meisterleistung von Tom Schilling – zeugen davon, dass dieser Mensch sich in seiner Haut nicht wohlfühlt. „Kennst du das Gefühl“, sinniert er in die Berliner Nacht hinein, „dass dir die Leute um dich herum irgendwie merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die anderen das Problem sind, sondern du selbst?“


Es ist ein passiver Held, den Regisseur Jan Ole Gerster wählte. Niko bestimmt nicht, was um ihn herum passiert, er driftet durch sein Leben. Die Begegnung mit seiner ehemaligen Mitschülerin Julika (ein Faszinosum: Friederike Kempter) zeigt das umso mehr. Neben ihrer inneren Stärke tritt Nikos Verlorensein umso plastischer hervor. Das Leitmotiv, die Suche nach Kaffee, treibt Niko durch episodenartig aneinandergereihte Szenen, die so scharf beobachtet sind, dass sie an vielen Stellen köstliche Komik transportieren. Trotzdem: Die Schwarz-weiß-Bilder geben Nikos Umherirren eine Schwere. Auch wenn diese sich durch die Filmmusik als höchst wandelbar erweist. Zusammen mit der sanften Stimme von Cherilyn MacNeil (vom Johannesburger Duo Dear Reader) wird die Schwere zu Melancholie, mit den beschwingten Jazz-Stücken, eingespielt von vier Studenten der Berliner Universität der Künste, zu stilvoller Heiterkeit.

Wollte man den Titel übersetzen, müsste man es mit einem ratlosen „Au Backe!“ oder einem bewundernden „Junge, Junge!“ tun. Beides passt zu Gersters Film, seinem ratlosen Protagonisten und seinem vielversprechenden Debüt. Ein Spielfilm-Erstling, dem es gelingt, ein psychologisch schwer fassbares Gefühl in Bilder zu übersetzen, ohne es zu banalisieren, ist selten. Dass ein solcher Erstling dem Zuschauer zusätzlich nicht vorschreibt, ob er die Geschichte als Komödie (ein Typ lungert rum und erlebt Kurioses) oder als Drama (ein Typ hat den Faden des Lebens verloren) zu lesen hat, ist sogar noch seltener.

Text: Teresa Groß / Fotos: X Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: X Verleih
Laufzeit: 85 Min.