Im Bann des Stadtneurotikers

Ja, er ist es. Anders als kürzlich in „To Rome With Love“ gesehen, hat er eher weißes als graues Haar. Verdutzt und ein wenig müde blinzelt er in „Paris Manhattan“ durch die geöffnete Hotelzimmertür. Deren defektes Schloss hat Sicherheitsexperte Victor (Patrick Bruel) gerade mit viel Mühe geknackt und staunt nun nicht schlecht, wen er vor sich hat. Aber er packt die Gelegenheit beim Schopfe. Denn wer kann ihm wohl besser dabei helfen, das Herz einer glühenden Woody-Allen-Anhängerin zu gewinnen, als – Woody Allen selbst?


In der Tat: Die Apothekerin Alice (Alice Taglioni) leidet, wie die Franzosen in solchen Fällen sagen, unter einer regelrechten „Woodymania“. Seit ihrer Jugend prangt das Poster des heiter verzweifelten Komikers und unermüdlichen Analytikers menschlicher Wirrnisse und Unzulänglichkeiten über ihrem Bett. Mit verzaubertem Lächeln sieht sie sich im Kino jede Retrospektive an und verteidigt in Partygesprächen mit Verve seine Filme. Nur Woody Allen vertraut sie ihre Gefühle an: Direkt aus seinen Leinwandwerken gibt ihr seine geisterhafte Stimme auf die dringendsten Fragen Antwort. Aber wird ihr das in der Liebe helfen?

Um „Paris Manhattan“ passabel in Fahrt zu bringen, braucht Regie-Debütantin Sophie Lellouche einen gewissen Anlauf. In großen Zeitsprüngen beobachtet die Kamera von Laurent Machuel, wie Alice regelmäßig bei Männern leer ausgeht. Dass Pierre (Louis-Do de Lencquesaing), den sie zuerst kennengelernt hat, später ihre Schwester Hélène (Marine Delterme) vorzieht, sie heiratet und mit ihr bald die heranwachsende Tochter Laura (Margaux Châtelier) hat, ist dabei ihre größte Niederlage. Glaubwürdig wirkt das aber nicht. Denn Alice ist eine hochgewachsene, schlanke Brünette mit ausgeprägten Wangenknochen und hübschen braunen Augen. Hat so eine Frau keine Dates? Tatsächlich findet Lellouche, die auch das Drehbuch verfasst hat, noch die rettende Erzählformel. Sie stammt natürlich von Woody Allen.

Wie in den Woody-Allen-Klassikern „Mach’s noch einmal, Sam“, „Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“ oder „Hannah und ihre Schwestern“ können auch in „Paris – Manhattan“ diejenigen am wenigsten ihr Glück schmieden, die am besten darüber Bescheid zu wissen meinen. Alice heilt die seelischen Wehwehchen ihrer Apotheken-Klientel schon mal mit dem Zustecken klassischer Komödien auf DVD. Für sich selbst kann sie kaum etwas tun.


Eine weitere Allen-Lektion lautet, nicht das Bild vom anderen zu lieben, sondern ihn selbst. Entsprechend hat Alice bald die Wahl: zwischen dem attraktiven und immerzu verführerischen Vincent (Yannick Soulier) – und dem unscheinbaren Victor, der ihre Apotheke mit einem Höllenapparat von Alarmanlage ausstattet. Vincent bietet zwar überraschende Einlagen am Klavier. Aber mit Victor wirft Alice entzaubernde Blicke hinter das vermeintlich aufregende Leben der anderen wie einst Woody Allens Anti-Helden. Sie findet dadurch zu sich selbst und zum Mann. Der Auftritt von Woody Allen höchstpersönlich ist nicht nur ein grandioser Besetzungscoup. Er hat auch den Sinn, ihn als Idol abtreten zu lassen. Wie Bogart in „Mach’s noch einmal, Sam“.

Alice Taglioni gibt ihre Figur mit anziehender Schwermut. Die größere Leistung vollbringt aber Patrick Bruel als Victor. Enorm verhalten, aber von ruhiger Präsenz, scheinbar dicklich, etwas gedrungen, dabei in Wahrheit sogar etwas größer als seine Filmpartnerin, entwirft das in Frankreich immens populäre Multitalent eine ganz eigene Version des Allenschen Durchschnittsmannes. Für die tollkühn albernen Einfälle einer oft allzu seichten romantischen Komödie können wohl beide nichts. Ernsthaftere Gemüter werden mit ebenso tiefschürfenden wie charmant prickelnden Gesprächen über Leben und Liebe versöhnt. Anders als bei Allen kommen sie ganz ohne Hysterie aus. Darin ist Paris Manhattan voraus.

Text: Andreas Günther / Fotos: Senator Film Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Paris Manhattan
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Senator
Laufzeit: 77 Min.