Der Dieb und die Frauen
Mit Menschen wie Du und Ich, und nicht unbedingt mit Kriminellen oder Polizisten, identifiziert sich das Kinopublikum am besten. Alfred Hitchcock wusste das wie kaum ein anderer. Als Verfasser des Drehbuchs zu „Hitchcock“, dem bald anlaufenden Film über den Suspense-Altmeister, ist das John J. McLaughlin mit Sicherheit aufgefallen: Er schrieb auch das Skript für den Thriller „Parker“ und lässt darin eine ahnungslose Durchschnittsfrau auf einen mysteriösen Dieb mit eigenwilligem Moralkodex treffen, der sich als ganz netter Typ entpuppt. Weil die beiden ganz alltägliche Probleme mit sich rumschleppen dürfen, menschelt es in der Inszenierung von Taylor Hackford gehörig. Und das – siehe oben – erleichtert die Identifikation.


Latina-Diva Jennifer Lopez („Was passiert, wenn’s passiert ist“) verkörpert in „Parker“ als Immobilienmaklerin Leslie Rodgers eine Art nette Nachbarin, die brutalen Gangstern in die Hände fällt. Leslie weint, zittert und fleht um ihr Leben. Von ihrem Mann mit Millionen Schulden sitzen gelassen, muss sie begreifen, dass sie längst noch nicht alle Tiefen des Lebens kennen gelernt hat. Wer fühlt da nicht mit ihr?


Die eigentliche Hauptfigur des Films hingegen, der gerissene Dieb Parker, lakonisch gespielt von Jason Statham („The Expendables“), wirkt zunächst geradezu abscheulich. Während sich unbescholtene Bürger auf einer riesigen Kirmes amüsieren, räumen Parker und seine Spießgesellen ungerührt die Kasse mit den Einnahmen leer. Aber Kinderliebe, Nothilfe bei einem Wachmann, seine Liebe zu Claire (Emma Booth), der nette „Schwiegervater“ Hurley (Nick Nolte) und der Betrug der Kumpanen, die ihn zudem lebensgefährlich verletzen, lassen Parker flugs wie einen verkappten Gutmenschen erscheinen. Wie er Vergeltung an den Komplizen übt und ihnen die Beute abjagen will, verfolgt man dann mit Sympathie.



Die auch in Deutschland enorm populären Parker-Romane aus der Feder des 2008 verstorbenen Donald E. Westlake alias Richard Stark auf die Leinwand zu bringen, ist schwierig. Mel Gibson hatte mit „Payback – Zahltag“ eher bescheidenen Erfolg, und vor Urzeiten floppte John Boormans ästhetisches Meisterwerk „Point Blank“ (1967).


In der ersten Adaption, die Parker beim Namen nennen darf, darf J.Lo gegen den Strich der Buchvorlage „Irgendwann gibt jeder auf“ ab der Mitte des Films im sonnigen Miami vor Parker verführerisch (und etwas sehr gewollt) die Hüften kreisen lassen. Aus dem blutigen Rachedrama soll eine romantisch-erotische Gaunerkomödie werden: Eine allzu ehrgeizige Kehrtwende, aber ewiges Bleigewitter und Auf-den-Putz-hauen in irgendwelchen Hinterzimmern waren McLaughlin und Hackford auf Dauer wohl zu ermattend. Parkers Geschick, sich aus jeder Klemme befreien zu können, bekommen die Fans der Romane derweil kaum zu sehen.


Aber „Parker“ langweilt nicht. Jennifer Lopez weiß ihre Figur vielschichtig anzulegen und mit jenen liebenswert-nervigen Ticks von Menschen anzureichern, die zu lange ohne Partner leben. Und Taylor Hackford, berühmt geworden mit so unterschiedlichen Filmen wie „Ein Offizier und Gentleman“, „Blood in, Blood out“ und „Ray“, inszeniert die physische Präsenz Jason Stathams geschickt in Schießereien bei voller Fahrt und Zweikämpfen mit messerdurchbohrten Handflächen. Handwerklich gut gemachte Thrillerkost also, nur sehr uneinheitlich – und ohne die Kniffe der Vorlage.


Text: Andreas Günther / Fotos: 2012 Constantin Film Verleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Constantin
Laufzeit: 118 Min.