Banlieue im Rausch

Was wäre die Kulturnation Frankreich ohne die Madeleines! Einst adelte der große Romancier Marcel Proust die sandfarbenen Küchlein literarisch, als er ihnen seitenweise euphorische Wirkung zusprach. Auch die Madeleines von Rentnerin Paulette (Bernadette Lafont) versetzen in Rausch – aber weil sie mit Haschisch gefüllt sind. Die widerborstige Titelheldin der hintersinnigen und manchmal galligen Komödie „Paulette“ bekämpft neue Armut mit der zweifelhaften Anwendung alter Rezepturen, wenn sie mit weichen Drogen im Gebäck ihre Finanzen saniert und ihr Ansehen verbessert.

Szene mit Bernadette Lafont.
Nötig hat die Bewohnerin einer trüben Pariser Vorstadt beides. Zwischen Supermarkt-Abfällen sucht die 80-Jährige nach Essbarem, der Gerichtsvollzieher beschlagnahmt ihre Möbel. Ihre Verbitterung über den sozialen Abstieg lässt Paulette an der Umgebung aus. „Alzheimi – leg ab!“, knurrt sie die Altergenossinnen beim Kartenspiel an. Die Rassistin hasst Tochter Agnès (Axelle Laffont) dafür, dass sie den schwarzen Kriminalbeamten Ousmane (Jean-Baptiste Anoumon) geheiratet und mit dem kleinen Léo (Ismaël Dramé) sogar ein Kind von ihm hat.

Doch als Paulette anfängt, mit Cannabis zu dealen, hat die ehemalige Restaurant-Besitzerin und Konditorin nicht nur viel Geld. Sie gewinnt auch neue Freunde hinzu und alte wie Maria (Carmen Maura) als willige Helfer zurück. Mit exquisiten Haschischkuchen-Buffets verwandelt sie ihre Banlieue-Wohnung zum Anziehungspunkt aller Schichten und Altersgruppen. Doch leider gibt es Gesetze – und die russische Mafia.

Mit dem grimmigen Zug gekränkten Stolzes um die einst sinnlichen Lippen, der arroganten Sonnenbrille, dem proletarischen Kopftuch, dem billigen Anorak und dem watschelnden Gang mag Paulette etwas von einer strauchelnden großen Nation personifizieren, die sich in veränderten Verhältnissen zurechtfinden muss. Glücklicherweise ging die Hauptrolle an Bernadette Lafont, verkörpert die renommierte Darstellerin durch ihre Auftritte bei Truffaut, Chabrol und Rivette doch einiges vom Selbstbild der Franzosen im Film.

Szene mit Ismaël Dramé und Bernadette Lafont.
Tatsächlich zeigt „Paulette“ Frankreich so, wie sich dessen Bewohner oft in vertraulichen Gesprächen darüber äußern – nur nicht so miesepetrig. Denn Regisseur Jérôme Enrico und seine Autoren verhandeln Sozialkritik konsequent als maßvoll überdrehte Situationskomik voller hinreißender Missverständnisse und grandios überspielter heikler Momente, wenn die Polizei zum falschen Zeitpunkt bei Paulette klingelt oder Nachbarn, die den Müll runterbringen, eine unangenehme Neugier entwickeln. Vergnüglicher war ein realitätsnahes Frankreich-Porträt selten: Chapeau!

Text: Andreas Günther / Fotos: Neue Visionen Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 87 Min.