Mutters Rache

Wie kann man völlig mittellose Handwerker dazu bringen, horrende Schulden zu begleichen? Indem man sie zu Krüppeln macht und ihre Unfallversicherung kassiert. Das ist die gewissenlose Masche des jungen Geldeintreibers Lee Kang-do (Lee Jeong-Jin). Einmal genügt es nicht, das Opfer aus einer gewissen Höhe von einer Bauruine springen zu lassen. Nachträglich muss dessen Fußgelenk mit einem Stein zerschmettert werden. Als der so Malträtierte seinen Peiniger verflucht, wird sein Schmerz durch einen erbarmungslosen Tritt noch einmal verdoppelt – von Cho Min-soo (Jang Mi-sun), die den Wehrlosen für die Beleidigung ihres Sohnes bestraft.


Der Schock über diese Brutalität – die hier wie im ganzen Film nur sparsam gezeigt wird – birgt eine unangenehme Wahrheit: Mütter lieben egoistisch – sie würden für ihre Kinder über Leichen gehen. Geradezu asketisch auf wenige trostlose Schauplätze und eine Handvoll hoffnungslose Gestalten reduziert, analysiert das Sühnedrama „Pieta“ schonungslos das menschliche Herz, bis keine Sympathieträger mehr übrig sind. Doch gerade dadurch kann der renommierte südkoreanische Filmemacher Kim Ki-Duk ein überwältigendes Mitgefühl für die moralischen Schwächen der Gattung mobilisieren.

Fast wider Willen wird der Zuschauer vom Film erobert. So wie der vereinsamte Lee von der mysteriösen Cho. Als die Frau in den besten Jahren ihm eröffnet, ihn zur Welt gebracht zu haben, glaubt der als Waise aufgewachsene Lee an einen schlechten Scherz. Er verspottet, demütigt und vergewaltigt sie sogar. Aber gegen ihre bedingungslose Hingabe und Parteinahme für ihn ist er letztlich machtlos. Lee wird von ihr emotional abhängig – und gütig.


Ist sie tatsächlich seine Mutter – oder doch nicht? Lange Zeit hält Kim Ki-Duk diese Frage offen. Doch auch als sie beantwortet ist, verliert „Pieta“ nichts von seiner Wirkung. Die kontrapunktisch gegeneinander geführten Entwicklungen von Cho und Lee nehmen absolut gefangen. Cho bewegt sich mit einem finsteren Racheplan am Rande der Selbstverleugnung. Lee macht eine Wandlung durch, die ihn sogar in der Konfrontation mit seinen Opfern liebenswert erscheinen lässt. Als sich ihm die furchtbare Wahrheit über Cho enthüllt, strebt er sowohl Gerechtigkeit als auch spirituelle Erlösung von der Schuld an.

„Pieta“ ist Lateinisch und bezeichnet die Darstellung Marias mit dem toten Leichnam Jesu. Weder der überdeutlich religiöse Titel noch das Ende mit gesungenem „Kyrie eleison“ und kilometerlanger Blutspur wären nötig. Das bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig zu Recht mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnete Werk ist auch ohne Passionskitsch bewegend genug.

Text: Andreas Günther / Fotos: MFA+ FilmDistribution e.K.
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Pieta
Genre: Drama
Freigabealter: 16 (beantragt)
Verleih: MFA
Laufzeit: 104 Min.