Ein bisschen YouTube, ein bisschen „Glee“, viel Herz und etwas Anarchie –
fertig ist die Hit-Komödie
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Mutig, mutig: Da erklärt die weibliche Hauptfigur einer Wohlfühl-Komödie doch tatsächlich dem Typen, mit dem sie nach allen Regeln des Genres zusammenkommen muss, sie fände Filme grundsätzlich langweilig, weil deren Ausgang immer so vorhersehbar sei – der Junge kriegt am Ende das Mädchen, und so. Wer einen solchen Satz in seinen Film einbaut, noch dazu ohne wirkliche Notwendigkeit, der sollte eine wirklich spektakuläre, aber dennoch glaubhafte Wendung auf Lager haben. Oder aber man gestaltet den Film so unterhaltsam, dass das Ende nur noch Formsache ist. Jason Moore entschied sich bei seinem höchst musikalischen Leinwanddebüt „Pitch Perfect“ für letztere Variante.


Gibt es an der Barden University ein Football-Team? Eine Kantine? Hörsäle? Man weiß es nicht. Der Studienalltag an jenem fiktiven College scheint allein vom Konkurrenzkampf zweier A-cappella-Gruppen geprägt, der von den Herren der Treblemakers und den Damen der Barden Bellas ausgefochten wird. Ein Jahr will sich Einzelgängerin Beca (Anna Kendrick) hier auf Wunsch ihres Vaters am Studieren versuchen und sich dann in Los Angeles nach Arbeit bei einer Plattenfirma umsehen. Der vorsichtige Ansatz einer Coming-of-Age-Geschichte, die im Film aber genauso schmückendes Accessoire bleibt wie Becas Flirt mit Hobbysänger Jesse (Skylar Astin). Denn den Barden Bellas fehlen zu Beginn des neuen Semesters noch so viele Sängerinnen, dass sie statt „acht sexy Mädels mit Bikini-Figur und absolutem Gehör“ jede nur halbwegs Popmusik-bewanderte Studentin („Du kennst David Guetta?“) zum Mitsingen drängen.

Im Probenraum der Bellas versammeln sich schließlich all jene Charaktere, die irgendwie immer zusammenfinden, wenn hoffnungslose Underdogs es mit den Platzhirschen aufnehmen sollen: eine Führungspersönlichkeit, ein Talent, eine Augenweide, ein Mauerblümchen, ein Wildfang, eine witzige Wuchtbrumme, und so weiter und so fort. Nur wurden diese klassischen Rollenbilder von „30 Rock“-Autorin Kay Cannon so ironisch überzeichnet, dass sie schon wieder originell sind: die Bandleaderin (Anna Camp) etwa gleicht einer diktatorischen Barbie, die Schüchterne (Hana Mae Lee) redet so leise, dass man sie überhört, wenn man zu laut mit der Popcorntüte raschelt, und die Quotendicke (Rebel Wilson) nennt sich selbst Fat Amy, bevor es „ausgehungerte Schlampen hinter ihrem Rücken tun.“ Auf ihre Weise sind alle Hauptfiguren Karikaturen, aber eben welche, die man aufrichtig mögen kann. Was auch der Grund dafür sein könnte, dass sich das junge Cast durch die Bank sehr spielfreudig zeigt.

Und sangesfreudig, nicht zu vergessen – immerhin wird der A-cappella-Gesang in „Pitch Perfect“ so ernsthaft praktiziert wie in anderen Filmen Wettkampfsport. Bei einem Blick in die Vita von Regisseur Jason Moore verwundert es nicht, dass bei den Bühnenauftritten der Bellas und der konkurrierenden Treblemakers wirklich jedes Detail stimmt: Seit zehn Jahren führt der 42-Jährige am Broadway Regie bei Musicals, für „Avenue Q“ war er sogar für den Tony Award nominiert.


Moore verstand aber offenbar auch sehr genau, warum A-cappella-Gesang überhaupt erst als Kinostoff interessant wurde: Zum einen, weil sich die Chor-Comedy-Serie „Glee“ (zumindest in den USA) großer Beliebtheit erfreut, zum anderen, weil musikalische Darbietungen mit dem gewissen Etwas im Netz wie verrückt geklickt werden. Darum wohl engagierte Moore Arrangeur Ed Boyer, um Hits von Rihanna, Bruno Mars, Blackstreet und anderen A-cappella-fähig machen – dafür war Boyer schon bei „Glee“ zuständig.

Im Film an sich lässt Moore außerdem gern Erinnerungen an beliebte YouTube-Phänomene aufleben: Hauptdarstellerin Anna Kendrick zum Beispiel klatscht und klappert mit einem Becher genauso eindrucksvoll den Beat zum dahingehauchten „You’re Gonna Miss Me“, wie es Lulu and the Lampshades in ihrem millionenfach geklicktem Originalvideo vormachten. An anderer Stelle macht sich Moore den Splitscreen so zu eigen, um zu zeigen, wie sich aus den gesungenen Instrumentspuren einzelner ein komplettes Lied zusammensetzt – ähnlich den Multitrack-Künstlern, die im Netz regelmäßig verblüffen.

So vereint „Pitch Perfect“ die kreative Frische guter YouTube-Clips und Musicalprofessionalität, aktuelle Hits und traditionellen Chorgesang, die Raffinesse von „Glee“ und den frechen Witz von „30 Rock“. Sollte da am Ende tatsächlich ausschlaggebend sein, ob sich Junge und Mädchen nun kriegen oder nicht?

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Pitch Perfect
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Universal
Laufzeit: 112 Min.