Gespaltenes Land, gebrochene Männer

Es ist die Krise eines verletzlichen Egos: Yaaron (Yiftach Klein), Chef einer Anti-Terror-Einheit bei der Polizei von Jerusalem, lässt keine Gelegenheit aus, sich seiner Männlichkeit zu vergewissern. Selbst im engen Aufzug, auf dem Weg zu seiner Mutter, zieht er sich noch einmal für einige gehetzte Klimmzüge hoch. Neben seiner hochschwangeren Frau, die auf das Einsetzen der Wehen wartet, vertreibt er sich die Zeit mit Liegestützen – und kämpft so gegen die innere Unruhe. Schnell merkt man im beeindruckenden, wenn auch oft befremdlichen Thriller-Drama „Policeman“ (2011) von Spielfilm-Debütant Nadav Lapid, dass hinter der harten Schale des Muskel-Machos ein zutiefst verunsicherter Mann steckt. Man kann das auch als Symbol für ein innerlich zerrissenes Land deuten: Israel wird in diesem Film nicht nur von allen Landesgrenzen, sondern zunehmend auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus hinterfragt und gefährdet.


An der Oberfläche wirkt Yaarons Welt noch in Ordnung, wenn er sich mit seinen Jungs trifft: Die Cop-Kollegen ticken wie er. Gemeinsam beweist man sich die eigene Vitalität bei schweißtreibenden Radtouren durch die Wüste oder bei Rugby-Rangeleien auf der Gartenparty. Ständig klatschen sich die Männer ab, berühren und umarmen sich fast zärtlicher, als sie es mit ihren Freundinnen und Partnerinnen machen.

Allerdings ist der Zusammenhalt der verschworenen Truppe längst bedroht: Einer von Yaarons Kollegen ist schwer an Krebs erkrankt. Noch ist unklar, ob man seinen Tumor im Kopf wirklich operieren kann. Doch auch ihn kann die Mannschaft noch brauchen – für ein zynisches Täuschungsmanöver: Der Todkranke soll die Schuld für die Tötung unschuldiger Araber bei einem Polizeieinsatz übernehmen. Das Kalkül dahinter: Einen Kranken wird man doch wohl nicht strafverfolgen.

Ähnlich aufeinander eingeschworen, ähnlich fanatisch agiert auch die Revoluzzer-Truppe rund um die charismatische Anführerin Shira (Yaara Pelzig), die ziemlich abrupt in einem zweiten großen Handlungsstrang des Films eingeführt wird: Sie steht einem Grüppchen extremistischer Marxisten vor, das die israelische Gesellschaft durch eine spektakuläre Gewaltaktion aufrütteln möchte. Die Terrorbande stürmt ein Nobelhotel und nimmt drei Reiche gefangen – in der Hoffnung, ihr revolutionäres Manifest vor laufenden Fernsehkameras verlesen zu können. Erst spät im Film finden die beiden Handlungsketten zusammen: Ausgerechnet Yaaron leitet den Befreiungseinsatz der Polizei, der in einem Blutbad endet. Bis zuletzt hallen auch ihm Shiras Worte im Ohr: „Ihr Polizisten seid nicht unsere Gegner. Ihr werdet auch unterdrückt.“


Der israelische Regisseur Nadav Lapid verlangt seinen Zuschauer viel Konzentration und Einfühlungsbereitschaft ab in einem langen, alles andere als hektischen Film, der im hebräischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt wird. Belohnt wird man mit einem vielschichtigen, stimmigen Psychogramm einer Gesellschaft, deren traurige Konstante die Gewaltbereitschaft ist.

Text: Rupert Sommer / Fotos: GMfilms
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Ha-shoter
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: GMfilms
Laufzeit: 112 Min.