Abenteuer Mittelstreifen

In der Buddy-Komödie „Prince Avalanche“ treffen nach altbewährtem Komödienrezept zwei Männer aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und werden ziemlich beste Freunde. Klingt sehr bekannt und reichlich verbraucht? Ist es aber nicht, weil der hochtalentierte Indie-Regisseur David Gordon Green („Ananas Express“) seine Finger im Spiel hatte. Den Regiepreis bei der diesjährigen Berlinale gab es dafür völlig zu Recht.

Szene mit Emile Hirsch und Paul Rudd.
Man muss schon zweimal hingucken, um die beiden Schauspieler wiederzuerkennen, die sichtlich großen Spaß an ihren Rollen haben: Emilie Hirsch sieht als Hallodri Lance aus wie der Zwillingsbruder von Jack Black, und Paul Rudd versteckt sich hinter einem Magnum-Schnurrbart, der den Zuschauer schon schmunzeln lässt, wenn die beiden das erste Mal in der postkatastrophalen Szenerie auftauchen.

Rudd spielt den übertrieben verantwortungsbewussten Naturliebhaber Alvin und „Into The Wild“-Darsteller Hirsch ausgerechnet einen Naturhasser. Gemeinsam machen sich die beiden im Sommer 1988 auf, um in einem großflächig abgebrannten Waldgebiet in Texas die gelben Markierungsstreifen einer so gut wie unbefahrenen Straße zu erneuern und Pfosten zur Fahrbahnbegrenzung in den Boden zu rammen. Eine unglaublich eintönige Arbeit, die die beiden aneinanderkettet. Während der ehrgeizige Alvin versucht, nebenbei mit Hilfe von Sprachtrainingskassetten Deutsch zu lernen, hört Möchtegern-Macho Lance lieber ohrenbetäubende Musik und fiebert dem Wochenende entgegen, wo er sich gerne „den kleinen Mann drücken“ lassen möchte.

Szene mit Paul Rudd und Emile Hirsch.
Die kauzigen Durchschnittsmänner, die dem Zuschauer Meile für Meile mehr ans Herz wachsen, bekommen sich also darüber in die Haare, ob man die Stille genießen möchte oder nicht. Sie streiten über ihre Beziehung zu Frauen und ihre Einstellung zu Sex, man jagt sich mit Kriegsbemalung durch die verkohlten Wälder – und rafft bis kurz vor Ende der Selbstfindungs-Komödie nicht, dass man längst freundschaftliche Gefühle für den anderen hegt. Doch vorher tauchen in dieser amerikanischen Filmadaption des isländischen Films „Either Way“, den Green mit Hilfe seines langjährigen Kameramanns Tim Orr äußerst geschickt ins amerikanische, postapokalyptisch wirkende Niemandsland verlegt hat, noch zwei weitere herrlich skurrile Gestalten auf: Ein schnapsbeseelter Trucker (Lance LeGault), der nicht mit texanischen Weisheiten spart, und eine alte Lady (Joyce Payne) die in den Trümmern ihres bis auf die Grundfesten abgebrannten Hauses nach ihrem Pilotenschein sucht. Diese absurd-poetischen Gestalten scheinen direkt einem David-Lynch-Film entsprungen zu sein.

Green versteht es wie kaum ein anderer, diese herrlich surrealen, bittersüßen Momente des Lebens auf die Leinwand zu bannen. David Wingo und die Band Explosions in the Sky liefert dazu den lebensbejahenden Soundtrack. Der Comicfreak Lance sagt einmal gegen Ende des Films, dass ihre Geschichte als Comic „Die Abenteuer von Alvin und Lance“ heißen könnte – das wäre dann ein Comic, den man sich ebenso wie dieses melancholisch-komische Kleinod von Film auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Text: Gabriele Summen / Fotos: Kool
Quelle: teleschau – der Mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Komödie
Freigabealter: 6
Verleih: Kool
Laufzeit: 94 Min.