Das fast unsichtbare Böse

„Und erlöse uns von dem Bösen“, murmelt ganz am Anfang der Handwerker Keller Dover (Hugh Jackman) in seinem Vaterunser. Doch das Böse hat sich auf sehr leisen Sohlen in die gemeinsame Thanksgiving-Feier mit Familie Birch eingeschlichen. Die Töchter Anna und Joy sind wie vom Erdboden verschluckt. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) findet den Camper. Aber den Fahrer, den debilen Alex Jones (Paul Dano, „There Will Be Blood“), der bei seiner Tante Holly (Melissa Leo, „The Fighter“) lebt, muss er aus Mangel an Beweisen freilassen.

Um seine Tochter wiederzubekommen ist Keller Dover (Hugh Jackman) zu allem bereit.

 

Verzweifelt schnappt sich Keller Dover daraufhin Alex. Zusammen mit dem widerwillig mittuenden anderen Vater, Franklin Birch (Terrence Howard), foltert er den Kretin, um den Aufenthaltsort der Mädchen zu erfahren. Loki stößt indessen auf eine gefesselte mumifizierte Leiche und einen Perversen, der manisch Labyrinthe zeichnet, kann sich aber auf nichts einen Reim machen.

 

Puristisch verzichtet „Prisoners“ auf schnelle Schnitte, aufpeitschende Musik und überhaupt handelsübliche Genre-Ingredienzien der Zuschauerüberwältigung. Stattdessen gibt der Frankokanadier Denis Villeneuve, Regisseur auch des oscarnominierten Thrillerdramas „Die Frau die singt“, in seiner nüchternen und dennoch zutiefst humanen Inszenierung Zeit für ganz eigenständiges, fiebriges Bangen und viel ahnungsvolle Gänsehaut. Und zwar umso stärker, je mehr man an den Erfolgsaussichten Dovers und Lokis zweifelt, die Kinder zu finden.

Noch ahnt Familie Dover nichts von den schweren Stunden, die ihr bevorstehen. Von links: Maria Bello, Hugh Jackman mit Erin Gerasimovich, Dylan Minnette.

 

Denn wie die fast ein wenig übersinnliche Camper-Episode zeigt: Das Böse sieht die Menschen, die aber sehen das Böse nicht, das unter und sogar in ihnen ist. Dover – Hugh Jackman war vielleicht nie vielschichtiger als in dieser Rolle – erkennt in dem jungen Mann, den er in wahnwitziger Selbstjustiz quält, nicht das Opfer, womöglich, weil er eine eigene Opfer- und Tätergeschichte verdrängt. Detective Loki, den Jake Gyllenhaal betont uncool anlegt, verstört mit bizarren Tattoos und krampfhaftem Augenzucken. Bei aller Intelligenz fehlt ihm der Durchblick für die Lügen und Ausflüchte, die man ihm auftischt.

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„Prisoners“ sind nicht nur die entführten Mädchen, sondern auch Dover und Loki – nämlich ihrer unzulänglichen Wahrnehmung. Wohl nicht zufällig präsentiert die Kamera von Roger Deakins fast alle Hauptfiguren zunächst von hinten, so als würden sie wie die Gefangenen in Platons antikem Höhlengleichnis der Wahrheit den Rücken zukehren. Was Dover in die Falle des wahren Täters tappen lassen wird.

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Vielleicht behält nach mehr als zweieinhalb atemlosen Stunden in Aaron Guzikowskis ungekünsteltem und suggestivem Drehbuch zu sehr die Detektivgeschichte gegenüber der Tragödie die Oberhand. Die Auflösung überrascht indes, es sei denn, man hätte das allererste Bild des Films mit seiner stilisierten Jagd- und Waldsymbolik enträtselt und Rückschlüsse auf den Urheber der schrecklichen Ereignisse gezogen. Wahrscheinlicher ist, dass man wie die Figuren auch später den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Sind wir ebenso unfähig, das Böse zu entdecken? „Prisoners“ fesselt als ebenso unkonventionelles wie nachwirkungsstarkes Meisterwerk des Psychothrillers.

Text: Andreas Günther / Fotos: Tobis Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Prisoners
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Tobis
Laufzeit: 153 Min.