Der gute Mensch aus Iowa

Verschlissene Flaggen hängen traurig an den Verandas, die Fabriken sind Ruinen, ein paar Miniaturpferde stehen in der Landschaft rum: Das gelobte Land, das Gus van Sant in seinem neuen Film zeigt, ist bedroht von Arbeits- und Bedeutungslosigkeit. In diese idyllische Leere platzen zwei Vertreter mit einem Heilsversprechen und einer Menge Geld. – Als sensible Studie von Befindlichkeiten in der amerikanischen Provinz ist „Promised Land“ ist ein interessanter Film, als politischer Beitrag zur Debatte über die umstrittene Erdgas-Fördermethode Fracking aber leider zu durchschaubar.

Szene mit Matt Damon.
Gleich in der ersten Szene erklärt Steve Butler (Matt Damon), warum er tut, was er tut: Er stammt selbst aus einem Provinzkaff irgendwo in Iowa. Als dort die Landmaschinen-Fabrik dicht machte, war die ganze Region tot. Nun will er verhindern, dass sich das anderswo wiederholt und macht seinen Job deswegen mit Hingabe: Butler pachtet Land von Leuten, die jeden Cent gebrauchen können. Nicht uneigennützig, sondern im Auftrag von „Global Crosspower Solutions“.

Der Energiekonzern will auf dem von Butler gepachteten Land nach Gas bohren – mithilfe der umstrittenen Fracking-Methode. Dabei werden Sand, Wasser und giftige Chemikalien in die Erde gepumpt, um in tiefen Schieferschichten liegendes Gas zu fördern. In Deutschland wurde das Verfahren vom Umweltrat als „entbehrlich für die Energiewende“ eingestuft. Insbesondere bemängelte das Sachverständigen-Gremium „erhebliche Wissenslücken und Unsicherheiten im Hinblick auf Umweltrisiken“.

Butler und seine Kollegin Sue Thomason (Frances McDormand) jedoch verkaufen Fracking als Technologie der Zukunft und Teil des „American Dream“. Man erhofft sich vor allem in den USA die Unabhängigkeit von den Ölstaaten im Mittleren Osten. Energie aus dem Vaterland für das Vaterland – wer nicht mitmacht, ist kein echter Patriot. Zumal die Bohrrechte ordentlich bezahlt werden. Karohemdsärmlig und mit Verständnis für die Leute machen sie ihren Job und versprechen neben der Pacht auch eine Gewinnbeteiligung. „Die Bevölkerung braucht das Gas“, erklären Steve und Sue immer wieder.

Szene mit Frances McDormand.
In einer unscheinbaren Szene wird ganz deutlich, was sie meinen: Ein Kleingrundbesitzer aus einem heruntergekommenen Trailer hat nach der Vertragsunterzeichnung nichts besseres zu tun, als zum Autohändler zu fahren. Er präsentiert Butler stolz einen schicken Sportwagen, der er sich in Erwartung des kommenden Wohlstands auf Pump kaufte: „Davon habe ich schon immer geträumt.“ Butler gibt den Menschen Hoffnung, auch wenn er weiß, das Gas ein flüchtiger Stoff ist.

„Promised Land“ funktioniert ganz wunderbar als Zustandsbeschreibung vom Leben in abgehängten Regionen. Die Menschen haben nicht viel, auf jeden Fall keine Perspektive. Und deswegen klammern sie sich an jeden Strohhalm, der ihnen von Leuten wie Butler gereicht wird. Matt Damon, der das Drehbuch zusammen mit John Krasinski verfasste, zeigt viel Empathie für seine stark entwickelten Figuren, ihre Probleme und Ängste. Er lässt Zweifel zu, Wut und Ohnmacht. Und er zeigt Leute, die einfach nur ihren Job machen wollen und sich dabei in hübsche Grundschullehrerinnen (Rosemarie DeWitt) verlieben. Gut und böse – in so einfachen Kategorien wird hier nicht gedacht.

Szene mit Frances McDormand und Matt Damon.
Das ist unterhaltsam und spannend, entbehrt auch nicht einer bittersüßen Prise Humors. Sehr geradlinig und mit malerischen Bildern erzählt, ist „Promised Land“ kein typischer Gus-van-Sant-Film: Eigentlich wollte Matt Damon selbst Regie führen, musste aber aus Zeitgründen passen. Seine erbauliche Botschaft hat er freilich mit Nachdruck ins Skript geschrieben, was „Promised Land“ zu einem sendungsbewussten Lehrstück über politische Prozesse an der Basis und zu einem politischen Manifest gegen unlautere Methoden macht, mit denen die Bevölkerung zum Spielball von Konzerninteressen wird.

Deswegen bekommt „Global Crosspower Solutions“ Gegenwind von einem alten Ingenieur (Hal Holbrook) und einem Öko-Aktivisten (Krasinski), der plötzlich auftaucht, mit allen rhetorischen Wassern gewaschen ist und Butler auch noch in die Liebesparade fährt. Mit einem Springsteen-Song singt sich der Umweltwächter in die Herzen der Bevölkerung, die er zu einem Abstimmungserfolg gegen die Lügen des Gaskonzerns führen will. Aber er selbst sagt auch nicht die Wahrheit: Das Ende ist für alle ernüchternd. Für das Publikum, für die Stadt und für Steve Butler, der endgültig zum guten Menschen aus Iowa wird. Soviel Pathos hätte der Film gar nicht nötig gehabt.

Text: Andreas Fischer / Fotos: 2012 Universal Pictures / Scott Green
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Universal
Laufzeit: 107 Min.