Dustin und die Diven

Man lernt nie aus: Mit immerhin 72 Jahren wagte sich Hollywoodstar Dustin Hoffman erstmals hinter die Kamera. Er übernahm die Regie in der Komödie „Quartett“ über ein Altersheim für Opernsänger und -musiker (das übrigens in der Casa di Riposo per Musicisti in Mailand ein reales Vorbild hat). „Tränen in den Augen“ hatte Hoffman laut eigener Aussage, als er das Drehbuch las. Hier geht es nicht nur um Musik, sondern auch um das ganz, ganz große Gefühl; nicht nur auf, sondern eben vor allem abseits der Bühne. Allerdings nicht unbedingt im Kinosaal: Dem späten Debütanten gelang ein durchaus angenehmer Film – nicht mehr und nicht weniger. Ob das für ein Da Capo reicht?


Den Abgang von den großen Bühnen haben sie allesamt hinter sich, jetzt widmen sich die gealterten Opernstars vor allem der Inszenierung ihrer Eitelkeiten. Etwa der einstige Meisterregisseur Cedric (Michael Gambon in einer reichen Auswahl an exzentrischen Garderoben), der die übrigen Bewohner mit der äußerst akribischen Vorbereitung einer Verdi-Gala tyrannisiert. Oder die gefeierte Sopranistin Ann (Gwyneth Jones), die selbst beim Frühstück im Gemeinschaftsraum noch den Ton angeben muss.

Das Leben in Beecham House geht seinen gewöhnlich außergewöhnlichen Gang – bis sich ein Neuzugang ankündigt: Jean Horton (Maggie Smith). Sie ist nicht nur eine der ganz Großen, sondern auch die Ex-Ehefrau von Reggie (Tom Courtenay). Der hat sich sein Leben in der Altersresidenz sehr komfortabel eingerichtet und ist ganz und gar nicht bereit, plötzlich wieder mit der Frau unter einem Dach zu wohnen, die ihm einst das Herz brach. Auch die gemeinsamen Freunde Wilf (Billy Connolly) und Cissy (Pauline Collins) können nicht vermitteln. Dabei würden sie doch bei der Verdi-Gala des Hauses so gerne noch einmal alle gemeinsam auf der Bühne stehen und das Quartett singen, mit dem sie vor vielen Jahren in die Musikgeschichte eingingen.


Dass es zu guter Letzt die künstlerische Eitelkeit ist, die in der verfahrenen Situation den entscheidenden Anstoß gibt, ist nur schlüssig: Die alten Diven sind eben nicht vor allem alt, sondern vor allem Diven; das Alter wird hier oft eher als lästige Begleiterscheinung betrachtet denn als großes Drama. So lässt sich Schwerenöter Wilf bei seiner unermüdlichen Jagd auf bedeutend jüngere Frauen niemals aufhalten – höchstens kurz unterbrechen, wenn die Prostata ihn wieder einmal zur nächsten Pinkelpause zwingt. Zur reinen Lachnummer werden die Probleme, die die späten Jahre mit sich bringen, aber auch nicht: Wenn etwa die oftmals reizend zerstreute Cissy nicht nur ihren nächsten Termin vergessen hat, sondern auch nicht mehr so ganz sicher ist, in welchem Jahr sie sich gerade befindet; wenn Wilf seinen Dandy-Gehstock plötzlich tatsächlich braucht, weil ihn Schwindelattacken plagen, dann sind das unaufdringliche, aber nachdrückliche Erinnerungen an die Fragilität des Lebens.

Hoffman führt sehr bedächtig durch den Film und bietet dabei seinen Schauspielern viel Raum zur Entfaltung. Obwohl das Ensemble – allen voran Collins und Connolly – durchweg gute Leistungen bietet, ist das aber nicht unbedingt genug: Die Handlung gerät ein wenig seifenopernhaft, und es bleiben immer wieder Längen in der Inszenierung. Auch die Optik des Films (Kamera: John de Borman) ist zwar ansprechend, aber recht konventionell: Gülden strömt das Licht durch die Fenster. Die ganze Anlage, Haus und Park, wirkt sehr possierlich. Insgesamt ist „Quartett“ ein Film wie ein Besuch bei der Oma – man weiß genau, was kommt. Es ist alles ein bisschen zu warm und ein bisschen zu stickig, aber trotzdem irgendwie hübsch gemütlich.

Text: Sabine Metzger / Fotos: DCM
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Quartet
Genre: Komödie
Freigabealter: 0 (beantragt)
Verleih: DCM
Laufzeit: 98 Min.