Der amerikanische Schmuddeltraum

Hollywood, 1987. Enge Hosen, offene Hemden, laute Rockmusik und literweise Haarspray. Glamrock feiert sich selbst und seinen glitzernden Höhepunkt. Der Soundtrack am Sunset Boulevard: Def Leppard, Aerosmith, Foreigner, Poison, Twisted Sister und Konsorten. In dieser geschmacklichen Talsohle zwischen dem echten Rock der Siebziger und dem Grunge der frühen Neunziger fußt das Musical „Rock Of Ages“ von „Hairspray“-Regisseur Adam Shankman. Die gleichnamige Leinwandadaption könnte mit ihrer Hollywoodbesetzung und ihren Rock-, Kino- und Bühnenreferenzen haarsträubender nicht sein. Aber auch kaum noch unterhaltsamer, als sie es geworden ist.

Journalistin Constance (Malin Akerman) hat ihre Pläne mit Stacee Jaxx (Tom Cruise).


Sherrie Christian (Julianne Hough), unschuldiges Mädchen vom Lande (vgl. Britney Spears), fährt mit kleinem Geld und großen Hoffnungen nach Los Angeles. Im legendären Rockschuppen Bourbon Room verschafft der schöne und Rockstar-ambitionierte Teenie-Barmann Drew (Diego Boneta) der Gestrandeten über seinen Chef und Clubbesitzer (Alec Baldwin) einen Job als Kellnerin (vgl. „Coyote Ugly“). Plötzlich ist Sherrie nicht bloß ganz nah dran an ihrem amerikanischen Traum, sondern auch an ihrer Lieblingsband Arsenal (vgl. „Almost Famous“). Die hatte nämlich ihren ersten Auftritt im Bourbon und soll aus Dank ihre Abschiedstour auch dort beenden.

Auftritt Stacee Jaxx (Tom Cruise), Frontmann von Arsenal und ein Wrack von einem Rockstar, dem die Frauen immer noch vor die Füße und zwischen die Beine fallen. Für seinen schmierigen Manager (Paul Giamatti) ist Jaxx eine Lizenz zum Gelddrucken, für die „Rolling Stone“-Journalistin (Malin Ackerman) ein gefundenes Fressen – und leider auch ein Sexobjekt. Und dann ist da noch der doppelmoralische Oberbürgermeister Mike Whitmore (Bryan Cranston), der getrieben von seiner Frau Patricia (Catherine Zeta-Jones) dem schmutzigen Rock’n’Roll den Garaus machen will. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Sherries aufkeimende Liebe zu Drew scheinbar im Scheinwerferlicht der Bühne zerbricht, ihr Traum zu einem Albtraum wird und sie sich ihre Brötchen als Table-Dancerin unter den Fittichen der Venus Club-Besitzerin (Mary J. Blige) verdienen muss. Aber bisher hat in Musicals ja noch immer das Gute und somit die Liebe gesiegt.

Rocklegende Stacee Jaxx (Tom Cruise) ist auf seiner letzten Tour.


„Rock Of Ages“ ist ein hanebüchener Over The Top-Parforceritt durch die Rock- und Popgeschichte der 80er-Jahre. Die nämlich, so lernt der erst irritierte und bald amüsierte Zuschauer schnell, hält von „Paradise City“ über „I Wanna Know What Love Is“ und „Any Way You Want It“ bis hin zu „Here I Go Again On My Own“ noch für jede Schnulzenszene den passenden Gassenhauer parat. Es wird, wie in Musicals so üblich, gesungen (vgl. „Glee“) und getanzt (vgl. „Rocky Horror Picture Show“) bis sich die Balken und die Herzen biegen.

Dieser kalkulierte Trash funktioniert hervorragend, weil jedem einzelnen Schauspieler 120 Dezibel Selbstironie, Uneitelkeit und nur ein bisschen Koketterie attestiert werden muss: Hauptdarstellerin Julianne Hough etwa ist im echten Leben die tanzende und singende „American Dream“-Blondine, die sie im Film werden will, Filmpartner Boneta mexikanischer Sänger und Soap-Darsteller. Bourbon-Betreiber Baldwin und sein anderer Barmann Lonny (Russell Brand) machen sich schöne Augen und merken es nicht, und Tom Cruise dürfte sich in seiner Rolle als Sexsymbol – wenn auch als erbärmliches – ebenfalls ausgetobt und wohl gefühlt haben. Der wahre Star von „Rock Of Ages“ ist aber nicht er und auch nicht der wie immer grandiose Giamatti, der Drew in eine Boygroup stecken will. Es ist Jaxx’ ledertragender Affe Hey Man, der seinem Herrchen die Show stiehlt.

Text: Fabian Soethof /
Fotos: © 2012 Warner Bros. Entertainment Inc. / David James
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Rock Of Ages
Genre: Komödie
Freigabealter: 6
Verleih: Warner
Laufzeit: 123 Min.