Der Mann, der Hunter S. Thompson wurde

Wie kommt man in den Himmel, obwohl man wegen Raubes im Gefängnis saß, mehr Drogen konsumierte als die Mitglieder so mancher Rockband zusammen und schließlich auch noch Selbstmord beging? Ganz einfach: Man lässt seine Asche von Freunden in den Weltraum schießen. Johnny Depp war es, der dem berühmt-berüchtigten Autor Hunter S. Thompson diese letzte Ehre erwies. Die beiden freundeten sich an, als Depp in Terry Gilliams Buchverfilmung „Fear and Loathing in Las Vegas“ Thompsons Alter Ego Raoul Duke spielte. In „Rum Diary“, der Kinoadaption von Thompsons gleichnamigem Frühwerk, ist er nun der Journalist Paul Kemp – sozusagen der Mann, der Thompson war, bevor er zu Raoul Duke wurde.

Man kann seine Fahne förmlich riechen: Johnny Depp spielt Paul Kemp quasi dauerbetrunken.


Die Legende will, dass Johnny Depp das Manuskript zu „Rum Diary“ auf Hunter S. Thompsons Anwesen selbst entdeckte. In irgendeiner Kiste lagerte es, längst vergessen von dem Schriftsteller, der die Geschichte um den Journalisten Paul Kemp bereits Anfang der 60-er Jahre zu Papier brachte. Depp drängte auf die Veröffentlichung. 1998, im Erscheinungsjahr von Terry Gilliams wahnwitziger Verfilmung des Thompsons-Romans „Fear and Loathing in Las Vegas“ mit Johnny Depp in der Hauptrolle, stand das fertige Buch schließlich in den Läden.

Schon in diesem Frühwerk ließ sich nicht klar differenzieren, wo Biografisches in Fiktionales übergeht, wo Hunter S. Thompson aufhört und sein Alter Ego – in diesem Fall Paul Kemp – beginnt. Sicher ist, dass Thompson wie seine Figur Kemp 1960 nach Puerto Rico zog, um sich dort als Journalist zu versuchen. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis der Südstaatler mit einer Reportage über die Hells Angels auf sich aufmerksam machte, den revolutionär-subjektiven Gonzo-Journalismus begründete und zum Kultautor wurde.

Sein Chef (Richard Jenkins) beim „San Juan Star“ erwartet von Paul Kemp zum einen, dass er launige Artikel für die amerikanischen Touristen liefert, zum anderen, dass er sein Alkoholproblem in den Griff bekommt. Mit beidem hat der Frischling, den Johnny Depp scheinbar dauerbeschwippst spielt, so seine Probleme.

Rum fließt immer und überall auf dieser nur vordergründig paradiesischen Insel, die Regisseur Bruce Robinson („Jennifer 8“, „Withnail & I“) reisekatalogtauglich abfotografieren ließ. Regelmäßig manövriert sich der zunehmend von seiner Arbeit desillusionierte Kemp in unmögliche Situationen, begleitet meist von seinem Redaktionskollegen Sala (Michael Rispoli). Der beherbergt in seiner schäbigen Absteige nicht nur Kemp, sondern auch eine kleine Destille und ein paar Kampfhähne.

Kemp (Johnny Depp) findet sofort Gefallen an Chenault (Amber Heard).
Nur ist die bereits vergeben.



Eine zarte Brise der Abgedrehtheit, die „Fear and Loathing in Las Vegas“ so aufregend machte, weht also auch durch „Rum Diary“. Johnny Depp spielt den versoffenen, aber messerscharf analysierenden Kemp tatsächlich so, als sei der zugedröhnte Raoul Duke aus „Fear and Loathing in Las Vegas“ dessen logische Weiterentwicklung. Und es macht so viel Spaß, ihm dabei zuzusehen, dass die eigentliche Handlung dabei eher störend wirkt: Der charismatische Bauunternehmer Sanderson (Aaron Eckhart) will, das Kemp die halblegalen Pläne zur Bebauung der Insel in einem „unabhängigen“ Artikel schönschreibt. Da sich Kemp schwer in die schöne Freundin (Amber Heard) des jähzornigen Geschäftsmannes verliebt hat, lässt er sich gern von ihm hofieren.

Dass es Bruce Robinson nicht recht gelingen will, in seinem Film die Balance zwischen kapitalismuskritischem Krimi, unmöglicher Liebesgeschichte und absurder Komik zu finden, kann man dem Regisseur nur bedingt zum Vorwurf machen: Hunter S. Thompson schaffte es in seiner Romanvorlage schließlich auch nicht wirklich. Mit kaum Mitte 20 verfügte der Schriftsteller zwar schon über seine scharfe Beobachtungsgabe und eine spitze Zunge, versuchte damals aber noch, sie in seinen Texten schreiberischen Normen zu unterwerfen. Um der Hunter S. Thompson zu werden, der in seinen späteren Werken den amerikanischen Albtraum diabolisch grinsend auf einen Drink einlädt, fehlte noch etwas: ein wenig mehr Selbstvertrauen, ein bisschen mehr Wut und wohl auch ein noch etwas größerer Rausch. Drei Dinge, die auch dem Film gut getan hätten.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Wild Bunch Germany
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: The Rum Diary
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Wild Bunch
Laufzeit: 119 Min.