Streicher zwischen Streicheln und Streiten

Klassische Musiker sind eben auch keine besseren Menschen. Als die Erkrankung des distinguiertesten Mitglieds die Zukunft des renommierten Streicherquartetts „Die Fuge“ in Frage stellt, folgen daraus beinharte Rangfolgekämpfe und hinterhältige Abwerbemanöver und Ehebrüche. Ehekrisen, Faustschläge und Schülerinnenverhältnisse. Nichts davon wirkt in der vielschichtigen US-Dramödie „Saiten des Lebens“ forciert oder übertrieben, alles erscheint bei Regiedebütant Yaron Zilberman und seinem Co-Autor Seth Grossman als Ausfluss jahrelang aufgestauter Wünsche und Aggressionen, denen eine erlesene Besetzung mehr als Stimme und Gesicht verleiht.

Szene mit Mark Ivanir und Catherine Keener.
„Ihr habt keinen Respekt vor der Musik“, hält Cellist Paul seinen Kollegen angesichts der Krise entgegen, die er ungewollt ausgelöst hat. Eben zählte Oscarpreisträger Christopher Walken noch zu den „7 Psychos“, nun stellt er sein nuanciertes Spiel als alternder Musiker unter Beweis, der in der Eröffnungsszene ein klein wenig ungeschickt sein Instrument zur Hand nimmt. Paul leidet nämlich an Parkinson, seine aktive Zeit neigt sich rapide dem Ende zu. Bemühungen um Ersatz können ein emotionales Chaos nicht verhindern.

Denn Pauls Quartett-Mitstreiter wollen sich in ihrer Spätblüte große Träume erfüllen, beruflich und privat. Der ehrgeizige Robert, den der stämmige Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman („Capote“) souverän als ebenso impulsiv wie empfindsam und reumütig anlegt, will nach Jahrzehnten an der zweiten Geige endlich einmal die erste spielen. Doch weder mag sein Rivale, der perfektionistische Quartett-Gründer Daniel (Mark Ivanir), ihm dieses Vorrecht abtreten, noch hält seine Frau, Bratschistin Juliette (Catherine Keener), ihn für die Aufgabe geeignet. Sie selbst streitet derweil eifersüchtig mit Tochter Alexandra (Imogen Poots, „Jane Eyre“) über deren Nähe zu Daniel, bei dem sie Musik studiert.

Szene mit Philip Seymour Hoffman und Liraz Charhi.
Mal schwermütig, mal komisch, aber stets auf originelle filmische Art, etwa mittels überraschender Blickwinkel-Wechsel, verdutzen die „Saiten des Lebens“ mit immer neuen Beziehungs-Verwicklungen und Persönlichkeits-Entblätterungen. Was zum Vorschein kommt, rührt auf feine Art und reizt zum Schmunzeln oder sogar lauten Lachen, wenn die Akteure bei der Nutzung ihrer Lebensrestzeit weniger eigenen Vorstellungen als fremden Erwartungen folgen. Versucht Robert mit der Führungsrolle im Quartett nicht bloß der schönen Flamenco-Tänzerin Pilar (Liraz Charhi) zu imponieren? Will Alexandra sich mit einer turbulenten Affäre an ihrer Mutter rächen? Wird Daniel nur deshalb leidenschaftlich, weil Robert – was dieser handgreiflich bedauern wird – ihn einmal als zugeknöpft verspottet hat?

Die unterschiedlichen Temperamente beeinflussen einander wie konzertierende Instrumente. Musik und Leben werden eins, weil die Darsteller fast gänzlich mit den Streicherexistenzen verschmelzen. Umso mehr stören augenzwinkernde Flirts mit früheren Parts der Stars, haben diese nun verwitwete Psychopathen, amerikanische Schriftsteller oder frustrierte Gattinnen verkörpert. Ohne diesen Makel wären die grandios zum Schwingen gebrachten „Saiten des Lebens“ sogar ein Kammerspiel-Meisterwerk.

Text: Andreas Günther / Fotos: Senator Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: A Late Quartet
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Senator
Laufzeit: 106 Min.