Graues Haar, wunderbar

Musikdokus sind was für Fans, ein Nischenprodukt? Meistens. Der Gegenbeweis, der nun in die Kinos kommt, heißt „Shut Up And Play The Hits“ und erzählt von einer Band, die den Punk so lange liebevoll streichelte, bis er sich bei elektronischer Clubmusik wohlfühlte. Dylan Southern und Will Lovelance begleiteten LCD Soundsystem durch die angekündigte Bandauflösung. Und so gut, wie sie das tun, wird daraus eine Sache, die viel größer ist als ein Musikfilm. Man überlegt, ob sich das Leben oder ein Drehbuchautor diese Geschichte ausgedacht hat. Was für eine Regieleistung!


Im April 2011 standen James Murphy, Nancy Whang und Pat Mahoney das letzte Mal zusammen auf der Bühne. Nicht auf irgendeiner: LCD Soundsystem verabschiedeten sich im Madison Square Garden vor und auch von 20.000 Menschen, die gekommen waren, um ein letztes Mal mit einer grandiosen Formation zu feiern, die ihre ersten Erfolge nicht in den USA, sondern in der Londoner Clublandschaft erlebte.

Das Regieduo arbeitet so innovativ wie Mastermind Murphy selbst. Sie umhüllen das Konzert mit Vorher-Nachher-Szenen, mit dem Aufwachen Murphys, der mit dem Hund rausmuss, oder dem letzten Fernsehinterview, das dem Zuschauer erst einmal erklärt, worum es geht: Murphy hört auf, viel zu früh, ohne triftigen Grund. „Kaffeekochen“ nennt er als Motiv, denn das sei etwas, das er auch sehr gerne tue.

Lovelance und Southern breiten ihren Teppich eine Woche vor dem angekündigten letzten Gig aus, gehen neben dem Musiker und Produzenten aus New Jersey her, definieren dabei das Wort „unauffällig“ neu. Die Kamera hält sich immer im Hintergrund. Doch was für Bilder fängt sie ein! „Shut Up And Play The Hits“ entdeckt die Schönheit der Vogelperspektive wider, findet immer den richtigen Winkel und übertrifft vor allem beim Schnitt beinahe alles Dagewesene.


Murphy wird dabei zum Motiv, von dem man sich kaum abwenden kann. Seine Natur-Coolness ist unwiderstehlich, seine Gedanken unbedingt teilenswert. Er erzählt von den temporär sprießenden grauen Haaren an seinem Hals und den Zweifeln an dieser Vernunfttrennung, die er nicht so geradlinig durchziehen kann, wie er das vorhatte.

Das ist keine Musikdoku, sondern ein Fest für alle Sinne. LCD Soundsystem wird man – und darin besteht nicht mal die Intention – danach lieben. Und wenn Murphy nach 20 Minuten einmal in die Kamera lächelt, werden viele im Kinosaal unwillkürlich zurücklächeln.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Neue Visionen Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Shut Up And Play The Hits
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 108 Min.