Schnaps oder Liebe?

Den ersten Schluck Bier trinkt Kate schon beim Duschen. Die Flasche stand schließlich noch von gestern im Bad rum. Und vor der Arbeit kippt die Grundschullehrerin noch ein bisschen Whiskey hinterher. Abends, daheim mit Ehemann Charlie, geht die Sauferei dann erst richtig los. Wie lang Kates Leben auf diese Art funktionierte, lässt Regisseur und Autor James Ponsoldt in seinem Drama offen. Dass es nun plötzlich nicht mehr funktioniert, das allein ist sein Thema – immerhin lässt sich „Smashed“, der Titel seines erstaunlich unsentimentalen Films, sowohl mit „sturzbetrunken“ als auch mit „zerbrochen“ übersetzen.

Szene mit Aaron Paul und Mary Elizabeth Winstead.
Vergleicht man ihre Kate mit den Frauen, die Mary Elizabeth Winstead zuvor mit genauso viel Herzblut spielte – etwa die coole Ramona Flowers in „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ oder die süße Cheerleaderin in „Death Proof“ -, dann sieht sie ganz schön fertig aus; ungeschminkt, mit blassem Teint und dunklen Augenringen. Aber eben nicht so fertig, dass Menschen, die Kate nur oberflächlich kennen, ihr das Alkoholproblem ansehen könnten. Und die, die sie genau kennen, trinken selbst so viel, dass Kate an ihrem eigenen Trinkverhalten bisher nichts Abnormes erkennen konnte. Nur ihr Kollege Mr. Davies (Nick Offerman), selbst ein Anonymer Alkoholiker, deutet die Anzeichen richtig, und nimmt Kate zu einem Treffen mit. Der erste Schritt auf einem langen Weg.

Von den körperlichen und seelischen Qualen des Entzugs oder dem Ablauf des Zwölf-Schritte-Programm zeigt und erzählt Ponsoldt überraschend wenig. Die ersten drei Monate seien hart, heißt es beiläufig, nachdem die mit einem Schnitt auch schon vergangen sind. Auch um die Unterstützung, die Kate von Mr. Davies und ihrer AA-„Sponsorin“ Jenny erfährt, die immerhin von Oscarpreisträgerin Octavia Spencer („The Help“) gespielt wird, macht James Ponsoldt ebenfalls keinerlei Wirbel. Vielleicht um zu verdeutlichen, dass es vorrangig nicht die anderen sind, die einen letztlich aus der Alkoholsucht retten?

Szene mit Nick Offerman.
Wacklig und oft defokussiert – also so, wie Kate bisher durchs Leben ging -, fängt die Kamera (Tobias Datum) stattdessen ein, dass die Nüchternheit zwar der Weg zu einem besseren Leben ist – aber leider nicht zu einem leichteren. Im Gegenteil: Immer häufiger muss sich Kate etwa die Frage stellen, wie viel sie im klaren Zustand noch mit ihrem weiterhin fröhlich trinkenden Ehemann Charlie („Breaking Bad“-Star Aaron Paul) gemeinsam hat. Auch erfährt sie bald am eigenen Leib, dass die Gesellschaft zwischen Alkoholiker und trockenem Alkoholiker keine großen Unterschiede macht.

Sowas, wird Kate später treffend zusammenfassen, steht nicht in den Broschüren. Und normalerweise wird es auch nicht in Filmen thematisiert, zumindest nicht, wenn das Publikum nicht vollständig desillusioniert werden soll. Dass „Smashed“ trotzdem ein optimistischer Film geworden ist, ohne dabei jemals seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen, ist eine Leistung, für die man durchaus ein Glas auf James Ponsoldt erheben sollte. Orangensaft, vorzugsweise.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Smashed
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Sony
Laufzeit: 81 Min.