Familienstand: Ledig, 533 Kinder

150 Kinder – das erschien Regisseur Ken Scott und seinem Co-Autor Martin Petit zu hoch gegriffen: Würde es ihnen das Publikum abkaufen, dass ein Mann per Samenspende eine so große Kinderschar in die Welt setzt? Wäre das nicht selbst für eine Komödie etwas übertrieben? Nur einen Monat nach dem Produktionsbeginn ihres Films „Starbuck“ (2011) wurden die Zweifel der beiden Kanadier mit einer Sensationsmeldung zerstreut: Ihr Landsmann, der Dokumentarfilmer und „Spendersohn“ Barry Stevens, fand bei der Recherche zu seinem Film „Bio-Dad“ (2009) nicht nur heraus, wer sein leiblicher Vater war – sondern auch, dass der schätzungsweise 600 Kinder gezeugt haben könnte …

David (Patrick Huard) erfährt, dass seine Samenspenden ihn zum Erzeuger von 533 Kindern machten. 142 wollen ihn treffen.



Die Geschichte von Berthold Wiesner hinterließ Eindruck bei den beiden Autoren. Zwar keinen so großen, dass sie ihren Film kurzfristig auf den Exilösterreicher zuschnitten, der in den 50er-Jahren offenbar eifrigster Zulieferer seiner eigenen Londoner Befruchtungsklinik war, aber immerhin genug, um die Kinderzahl in ihrer Geschichte auf 533 aufzustocken.

Zyniker würden David Wozniak (Patrick Huard) wohl raten, auf diese imposante Zahl biologischer Kinder stolz zu sein – sie beweist schließlich, dass er zumindest für eine Sache nütze ist. Und immerhin verfügte er als Samenspender „Starbuck“ Anfang der 90er-Jahre über ein regelmäßiges Einkommen, während er jetzt, im Alter von 42, aus nicht näher erläuterten Gründen mit 80.000 Dollar bei knüpelschwingenden Rowdies in der Kreide steht. Wie sollte man es seiner schwangeren On/Off-Freundin Valerie (Julie Le Breton) da verdenken, dass sie in ihm keine geeignete Vaterfigur sieht?

David hätte also schon genug Sorgen, ohne dass 142 seiner 533 Nachkommen vor Gericht die Aufhebung seiner Anonymität einklagen und ihn kennenlernen wollen. Aber ein flüchtiger Blick auf die Steckbriefe seiner Kinder, die der Jurist seiner ehemaligen Stammklinik bei ihm liegen ließ, kann doch nicht schaden … oder?

Valerie (Julie Le Breton) zweifelt an Davids (Patrick Huard) Eignung als Vater.
Nicht ganz zu Unrecht.



Während die jungen Kläger, die Medien und Davids Freunde und Verwandte darüber rätseln, wer wohl dieser ominöse „Starbuck“ ist, nähert sich der Gesuchte einigen seiner zufällig ausgewählten Nachkommen an – natürlich ohne sich zu erkennen zu geben. Diese Begegnungen sind mal witziger und mal dramatischer Natur, von Ken Scott als eigenständige Szenen oder im Rahmen einer schwungvoll geschnittenen Collage angelegt. Erfreulicherweise begeht weder der Regisseur noch die Hauptfigur in diesem herzerwärmenden Reigen den Fehler, das kurze Eingreifen ins Leben der Kinder mit richtiger Vaterschaft zu verwechseln: Dazu gehört ein wenig mehr. Doch mit jeder neuen Erfahrung sieht man in David die Bereitschaft wachsen, mehr zu geben – und seinem noch ungeborenen 534. Kind ein echter Vater zu werden.

Ein so leichtfüßiger Wohlfühlfilm hätte „Starbuck“ sicher kaum werden können, wenn sich Ken Scott nicht eine gewisse Naivität erlaubt hätte – vor allem in Hinblick auf die Situation von Starbucks Sprösslingen. Er lässt sie lediglich mit der Leere argumentieren, die die Ungewissheit über die Identität ihres Vaters in ihnen verursacht. Doch wenn man sie auf ihren „Starbuck“-Versammlungen zusammen sieht, diese 142 etwa gleichaltrigen jungen Männer und Frauen, die sich alle blendend zu verstehen scheinen, dann dämmert, dass eine andere große Unbekannte für Kinder von Samenspendern noch entscheidender sein könnte: Die, nicht genau zu wissen, mit wem man ein Elternteil gemeinsam hat.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Starbuck
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Ascot Elite
Laufzeit: 108 Min.